Page - 298 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Einfälle ein und zerlegt sich somit in drei Einzelfragen: Konnte P. wissen, daß Dr. Forsyth eben
seinen ersten Besuch bei mir gemacht hatte? Konnte er wissen, welches der Name der Person
war, die ich in seinem Hause besucht hatte? Wußte er, daß Dr. Jones eine Abhandlung über den
Alptraum geschrieben hatte? Oder war es nur mein Wissen um diese Dinge, das sich in seinen
Einfällen verriet? Von der Beantwortung dieser drei Einzelfragen wird es abhängen, ob meine
Beobachtung einen Schluß zu Gunsten der Gedankenübertragung erlaubt. Lassen wir die erste
Frage noch eine Weile beiseite, die beiden anderen sind leichter zu behandeln. Der Fall des
Besuchs in der Pension macht auf den ersten Blick einen besonders zuverlässigen Eindruck. Ich
bin sicher, daß ich in meiner kurzen, scherzenden Erwähnung des Besuchs in seinem Haus keinen
Namen genannt habe; ich halte es für sehr unwahrscheinlich, daß P. sich in der Pension nach dem
Namen der betreffenden Person erkundigt hat, ich glaube eher, daß ihm die Existenz derselben
völlig unbekannt geblieben ist. Aber die Beweiskraft dieses Falles wird durch eine Zufälligkeit
gründlich zerstört. Der Mann, den ich in der Pension besucht hatte, hieß nicht nur Freund, er war
auch uns allen ein wahrer Freund. Es war Dr. Anton v. Freund, dessen Spende die Gründung
unseres Verlags ermöglicht hatte. Sein früher Tod wie der unseres Karl Abraham einige Jahre
später waren die schwersten Unglücksfälle, die die Entwicklung der Psychoanalyse betroffen
haben. Ich mag also Herrn P. damals gesagt haben: Ich habe in Ihrem Hause einen Freund
besucht, und mit dieser Möglichkeit entfällt das okkultistische Interesse an seiner zweiten
Assoziation.
Auch der Eindruck des dritten Einfalles verflüchtigt sich bald. Konnte P. wissen, daß Jones eine
Abhandlung über den Alptraum veröffentlicht hat, da er nie analytische Literatur las? Ja, er
konnte es wissen. Er besaß Bücher aus unserem Verlag, konnte immerhin die Titel der auf den
Umschlägen angekündigten Neuerscheinungen gesehen haben. Es ist nicht zu erweisen, aber
auch nicht abzuweisen. Auf diesem Weg werden wir also zu keiner Entscheidung kommen. Ich
muß bedauern, daß meine Beobachtung an dem nämlichen Fehler leidet wie so viele ähnliche. Sie
ist zu spät niedergeschrieben und ist diskutiert worden zu einer Zeit, da ich Herrn P. nicht mehr
sah und ihn nicht weiter befragen konnte.
Kehren wir also zum ersten Vorfall zurück, der den scheinbaren Tatbestand der
Gedankenübertragung auch isoliert aufrechthält. Konnte P. wissen, daß Doktor Forsyth eine
Viertelstunde vor ihm bei mir gewesen war? Konnte er überhaupt von seiner Existenz oder
Anwesenheit in Wien wissen? Der Neigung, beides glatt zu verneinen, darf man nicht nachgeben.
Ich sehe doch einen Weg, der zu einer teilweisen Bejahung führt. Ich könnte doch Herrn P. die
Mitteilung gemacht haben, daß ich einen Arzt aus England zum Unterricht in der Analyse
erwarte, als erste Taube nach der Sintflut. Das könnte im Sommer 1919 gewesen sein;
Dr. Forsyth hatte sich Monate vor seinem Eintreffen brieflich mit mir verständigt. Ich mag sogar
seinen Namen genannt haben, obwohl mir das sehr unwahrscheinlich ist. Bei der anderweitigen
Bedeutung dieses Namens für uns beide hätte sich an die Namensnennung eine Unterhaltung
knüpfen müssen, von der mir etwas im Gedächtnis geblieben wäre. Immerhin mag es geschehen
sein und ich es dann gründlich vergessen haben, so daß mich der Herr von Vorsicht in der
Analysenstunde wie ein Wunder berühren konnte. Wenn man sich für einen Skeptiker hält, tut
man gut daran, gelegentlich auch an seiner Skepsis zu zweifeln. Vielleicht gibt es auch bei mir
die geheime Neigung zum Wunderbaren, die der Schaffung okkulter Tatbestände so
entgegenkommt.
Ist so ein Stück des Wunderbaren aus dem Weg geräumt, so harrt unser noch ein anderes Stück,
das schwierigste von allen. Angenommen, Herr P. habe gewußt, es gebe einen Dr. Forsyth und er
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin