Page - 303 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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darauf hinausläuft, gebräuchliche Abstraktionen wörtlich zu nehmen und zu vergröbern, sie aus
Begriffen in Dinge zu verwandeln, womit nicht viel gewonnen wäre. Ich antworte, es wird
schwerhalten, in der Ichpsychologie dem Allbekannten auszuweichen, es wird mehr auf neue
Auffassungen und Anordnungen ankommen als auf Neuentdeckungen. Bleiben Sie also vorläufig
bei Ihrer herabsetzenden Kritik und warten Sie die weiteren Ausführungen ab. Die Tatsachen der
Pathologie geben unseren Bemühungen einen Hintergrund, den Sie für die Populärpsychologie
vergebens suchen würden. Ich setze fort. Kaum daß wir uns mit der Idee eines solchen Über-Ichs
befreundet haben, das eine gewisse Selbständigkeit genießt, seine eigenen Absichten verfolgt und
in seinem Energiebesitz vom Ich unabhängig ist, drängt sich uns ein Krankheitsbild auf, das die
Strenge, ja die Grausamkeit dieser Instanz und die Wandlungen in ihrer Beziehung zum Ich
auffällig verdeutlicht. Ich meine den Zustand der Melancholie, genauer des melancholischen
Anfalls, von dem ja auch Sie genug gehört haben, auch wenn Sie nicht Psychiater sind. An
diesem Leiden, von dessen Verursachung und Mechanismus wir viel zu wenig wissen, ist der
auffälligste Zug die Art, wie das Über-Ich – sagen Sie nur im stillen: das Gewissen – das Ich
behandelt. Während der Melancholiker in gesunden Zeiten mehr oder weniger streng gegen sich
sein kann, wie ein anderer, wird im melancholischen Anfall das Über-Ich überstreng, beschimpft,
erniedrigt, mißhandelt das arme Ich, läßt es die schwersten Strafen erwarten, macht ihm
Vorwürfe wegen längst vergangener Handlungen, die zu ihrer Zeit leicht genommen wurden, als
hätte es das ganze Intervall über Anklagen gesammelt und nur seine gegenwärtige Erstarkung
abgewartet, um mit ihnen hervorzutreten und auf Grund dieser Anklagen zu verurteilen. Das
Über-Ich legt den strengsten moralischen Maßstab an das ihm hilflos preisgegebene Ich an, es
vertritt ja überhaupt den Anspruch der Moralität, und wir erfassen mit einem Blick, daß unser
moralisches Schuldgefühl der Ausdruck der Spannung zwischen Ich und Über-Ich ist. Es ist eine
sehr merkwürdige Erfahrung, die Moralität, die uns angeblich von Gott verliehen und so tief
eingepflanzt wurde, als periodisches Phänomen zu sehen. Denn nach einer gewissen Anzahl von
Monaten ist der ganze moralische Spuk vorüber, die Kritik des Über-Ichs schweigt, das Ich ist
rehabilitiert und genießt wieder alle Menschenrechte bis zum nächsten Anfall. Ja bei manchen
Formen der Erkrankung findet in den Zwischenzeiten etwas Gegenteiliges statt; das Ich befindet
sich in einem seligen Rauschzustand, es triumphiert, als hätte das Über-Ich alle Kraft verloren
oder wäre mit dem Ich zusammengeflossen, und dieses freigewordene, manische Ich gestattet
sich wirklich hemmungslos die Befriedigung aller seiner Gelüste. Vorgänge, reich an ungelösten
Rätseln!
Sie werden gewiß mehr als eine bloße Illustration erwarten, wenn ich Ihnen ankündige, daß wir
über die Bildung des Über-Ichs, also über die Entstehung des Gewissens, mancherlei gelernt
haben. In Anlehnung an einen bekannten Ausspruch Kants, der das Gewissen in uns mit dem
gestirnten Himmel zusammenbringt, könnte ein Frommer wohl versucht sein, diese beiden als die
Meisterstücke der Schöpfung zu verehren. Die Gestirne sind gewiß großartig, aber was das
Gewissen betrifft, so hat Gott hierin ungleichmäßige und nachlässige Arbeit geleistet, denn eine
große Überzahl von Menschen hat davon nur ein bescheidenes Maß oder kaum so viel, als noch
der Rede wert ist, mitbekommen. Wir verkennen das Stück psychologischer Wahrheit
keineswegs, das in der Behauptung, das Gewissen sei göttlicher Herkunft, enthalten ist, aber der
Satz bedarf der Deutung. Wenn das Gewissen auch etwas »in uns« ist, so ist es doch nicht von
Anfang an. Es ist so recht ein Gegensatz zum Sexualleben, das wirklich vom Anfang des Lebens
an da ist und nicht erst später hinzukommt. Aber das kleine Kind ist bekanntlich amoralisch, es
besitzt keine inneren Hemmungen gegen seine nach Lust strebenden Impulse. Die Rolle, die
späterhin das Über-Ich übernimmt, wird zuerst von einer äußeren Macht, von der elterlichen
Autorität, gespielt. Der Elterneinfluß regiert das Kind durch Gewährung von Liebesbeweisen und
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin