Page - 305 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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innigste mit dem Schicksal des Ödipuskomplexes verknüpft ist, so daß das Über-Ich als der Erbe
dieser für die Kindheit so bedeutungsvollen Gefühlsbindung erscheint. Wir verstehen, mit dem
Auflassen des Ödipuskomplexes mußte das Kind auf die intensiven Objektbesetzungen
verzichten, die es bei den Eltern untergebracht hatte, und zur Entschädigung für diesen
Objektverlust werden die wahrscheinlich längst vorhandenen Identifizierungen mit den Eltern in
seinem Ich so sehr verstärkt. Solche Identifizierungen als Niederschläge aufgegebener
Objektbesetzungen werden sich später im Leben des Kindes oft genug wiederholen, aber es
entspricht durchaus dem Gefühlswert dieses ersten Falles einer solchen Umsetzung, daß deren
Ergebnis eine Sonderstellung im Ich eingeräumt wird. Eingehende Untersuchung belehrt uns
auch, daß das Über-Ich in seiner Stärke und Ausbildung verkümmert, wenn die Überwindung des
Ödipuskomplexes nur unvollkommen gelingt. Im Laufe der Entwicklung nimmt das Über-Ich
auch die Einflüsse jener Personen an, die an die Stelle der Eltern getreten sind, also von
Erziehern, Lehrern, idealen Vorbildern. Es entfernt sich normalerweise immer mehr von den
ursprünglichen Elternindividuen, es wird sozusagen unpersönlicher. Wir wollen auch nicht daran
vergessen, daß das Kind seine Eltern in verschiedenen Lebenszeiten verschieden einschätzt. Zur
Zeit, da der Ödipuskomplex dem Über-Ich den Platz räumt, sind sie etwas ganz Großartiges,
später büßen sie sehr viel ein. Es kommen dann auch Identifizierungen mit diesen späteren Eltern
zustande, sie liefern sogar regelmäßig wichtige Beiträge zur Charakterbildung, aber sie betreffen
dann nur das Ich, beeinflussen nicht mehr das Über-Ich, das durch die frühesten Elternimagines
bestimmt worden ist.
Ich hoffe, Sie haben bereits den Eindruck empfangen, daß die Aufstellung des Über-Ichs wirklich
ein Strukturverhältnis beschreibt und nicht einfach eine Abstraktion wie die des Gewissens
personifiziert. Wir haben noch eine wichtige Funktion zu erwähnen, die wir diesem Über-Ich
zuteilen. Es ist auch der Träger des Ichideals, an dem das Ich sich mißt, dem es nachstrebt, dessen
Anspruch auf immer weitergehende Vervollkommnung es zu erfüllen bemüht ist. Kein Zweifel,
dieses Ichideal ist der Niederschlag der alten Elternvorstellung, der Ausdruck der Bewunderung
jener Vollkommenheit, die das Kind ihnen damals zuschrieb.
Ich weiß, Sie haben viel von dem Gefühl der Minderwertigkeit gehört, das gerade die Neurotiker
auszeichnen soll. Es spukt besonders in der sogenannt schönen Literatur. Ein Schriftsteller, der
das Wort Minderwertigkeitskomplex gebraucht, glaubt damit allen Anforderungen der
Psychoanalyse Genüge getan und seine Darstellung auf ein höheres psychologisches Niveau
gehoben zu haben. In Wirklichkeit wird das Kunstwort Minderwertigkeitskomplex in der
Psychoanalyse kaum verwendet. Es bedeutet uns nichts Einfaches, geschweige denn etwas
Elementares. Es auf die Selbstwahrnehmung etwaiger Organverkümmerungen zurückzuführen,
wie die Schule der sogenannten Individualpsychologen zu tun beliebt, erscheint uns ein
kurzsichtiger Irrtum. Das Gefühl der Minderwertigkeit hat stark erotische Wurzeln. Das Kind
fühlt sich minderwertig, wenn es merkt, daß es nicht geliebt wird, und ebenso der Erwachsene.
Das einzige Organ, das wirklich als minderwertig betrachtet wird, ist der verkümmerte Penis, die
Klitoris des Mädchens. Aber der Hauptanteil des Minderwertigkeitsgefühls stammt aus der
Beziehung des Ichs zu seinem Über-Ich, ist ebenso wie das Schuldgefühl ein Ausdruck der
Spannung zwischen beiden. Minderwertigkeitsgefühl und Schuldgefühl sind überhaupt schwer
auseinanderzuhalten. Vielleicht täte man gut daran, im ersteren die erotische Ergänzung zum
moralischen Minderwertigkeitsgefühl zu sehen. Wir haben dieser Frage der begrifflichen
Abgrenzung in der Psychoanalyse wenig Aufmerksamkeit geschenkt.
Gerade weil der Minderwertigkeitskomplex so populär geworden ist, gestatte ich mir, Sie hier mit
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin