Page - 308 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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und betreiben eine Geheimwissenschaft. Und doch mußten wir erkennen und als unsere
Überzeugung verkünden, daß niemand das Recht hat, in die Psychoanalyse dreinzureden, wenn er
sich nicht bestimmte Erfahrungen erworben hat, die man nur durch eine Analyse an seiner
eigenen Person erwerben kann. Als ich Ihnen vor fünfzehn Jahren meine Vorlesungen gab, suchte
ich Sie mit gewissen spekulativen Stücken unserer Theorie zu verschonen, aber gerade an die
knüpfen die Neuerwerbungen an, von denen ich heute zu sprechen habe.
Ich kehre zum Thema zurück. In dem Zweifel, ob Ich und Über-Ich selbst unbewußt sein oder
nur unbewußte Wirkungen entfalten können, haben wir uns mit guten Gründen für die erstere
Möglichkeit entschieden. Ja, große Anteile des Ichs und Über-Ichs können unbewußt bleiben,
sind normalerweise unbewußt. Das heißt, die Person weiß nichts von deren Inhalten, und es
bedarf eines Aufwands an Mühe, sie ihr bewußtzumachen. Es trifft zu, daß Ich und bewußt,
Verdrängtes und unbewußt nicht zusammenfallen. Wir empfinden das Bedürfnis, unsere
Einstellung zum Problem bewußt-unbewußt gründlich zu revidieren. Zunächst sind wir geneigt,
den Wert des Kriteriums der Bewußtheit, da es sich als so unzuverlässig erwiesen hat, recht
herabzusetzen. Aber wir täten unrecht daran. Es ist damit wie mit unserem Leben; es ist nicht viel
wert, aber es ist alles, was wir haben. Ohne die Leuchte der Bewußtseinsqualität wären wir im
Dunkel der Tiefenpsychologie verloren; aber wir dürfen versuchen, uns neu zu orientieren.
Was man bewußt heißen soll, brauchen wir nicht zu erörtern, es ist jedem Zweifel entzogen. Die
älteste und beste Bedeutung des Wortes »unbewußt« ist die deskriptive; wir nennen unbewußt
einen psychischen Vorgang, dessen Existenz wir annehmen müssen, etwa weil wir ihn aus seinen
Wirkungen erschließen, von dem wir aber nichts wissen. Wir haben dann zu ihm dieselbe
Beziehung wie zu einem psychischen Vorgang bei einem anderen Menschen, nur daß er eben
einer unserer eigenen ist. Wenn wir noch korrekter sein wollen, werden wir den Satz dahin
modifizieren, daß wir einen Vorgang unbewußt heißen, wenn wir annehmen müssen, er sei
derzeit aktiviert, obwohl wir derzeit nichts von ihm wissen. Diese Einschränkung läßt uns daran
denken, daß die meisten bewußten Vorgänge nur kurze Zeit bewußt sind; sehr bald werden sie
latent, können aber leicht wiederum bewußt werden. Wir könnten auch sagen, sie seien unbewußt
geworden, wenn es überhaupt sicher wäre, daß sie im Zustand der Latenz noch etwas Psychisches
sind. Soweit hätten wir nichts Neues erfahren, auch nicht das Recht erworben, den Begriff eines
Unbewußten in die Psychologie einzuführen. Dann kommt aber die neue Erfahrung, die wir
schon an den Fehlleistungen machen können. Wir sehen uns z. B. zur Erklärung eines
Versprechens genötigt anzunehmen, daß sich bei dem Betreffenden eine bestimmte Redeabsicht
gebildet hatte. Wir erraten sie mit Sicherheit aus der vorgefallenen Störung der Rede, aber sie
hatte sich nicht durchgesetzt, sie war also unbewußt. Wenn wir sie nachträglich dem Redner
vorführen, kann er sie als eine ihm vertraute anerkennen, dann war sie nur zeitweilig unbewußt,
oder sie als ihm fremd verleugnen, dann war sie dauernd unbewußt. Aus dieser Erfahrung
schöpfen wir rückgreifend das Recht, auch das als latent Bezeichnete für ein Unbewußtes zu
erklären. Die Berücksichtigung dieser dynamischen Verhältnisse gestattet uns jetzt, zweierlei
Unbewußtes zu unterscheiden, eines, das leicht, unter häufig hergestellten Bedingungen, sich in
Bewußtes umwandelt, ein anderes, bei dem diese Umsetzung schwer, nur unter erheblichem
Müheaufwand, möglicherweise niemals erfolgt. Um der Zweideutigkeit zu entgehen, ob wir das
eine oder das andere Unbewußte meinen, das Wort im deskriptiven oder im dynamischen Sinn
gebrauchen, wenden wir ein erlaubtes, einfaches Auskunftsmittel an. Wir heißen jenes
Unbewußte, das nur latent ist und so leicht bewußt wird, das Vorbewußte, behalten die
Bezeichnung »unbewußt« dem anderen vor. Wir haben nun drei Termini: bewußt, vorbewußt,
unbewußt, mit denen wir in der Beschreibung der seelischen Phänomene unser Auskommen
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin