Page - 310 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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erfahren und das meiste davon hat negativen Charakter, läßt sich nur als Gegensatz zum Ich
beschreiben. Wir nähern uns dem Es mit Vergleichen, nennen es ein Chaos, einen Kessel voll
brodelnder Erregungen. Wir stellen uns vor, es sei am Ende gegen das Somatische offen, nehme
da die Triebbedürfnisse in sich auf, die in ihm ihren psychischen Ausdruck finden, wir können
aber nicht sagen, in welchem Substrat. Von den Trieben her erfüllt es sich mit Energie, aber es
hat keine Organisation, bringt keinen Gesamtwillen auf, nur das Bestreben, den
Triebbedürfnissen unter Einhaltung des Lustprinzips Befriedigung zu schaffen. Für die Vorgänge
im Es gelten die logischen Denkgesetze nicht, vor allem nicht der Satz des Widerspruchs.
Gegensätzliche Regungen bestehen nebeneinander, ohne einander aufzuheben oder sich
voneinander abzuziehen, höchstens daß sie unter dem herrschenden ökonomischen Zwang zur
Abfuhr der Energie zu Kompromißbildungen zusammentreten. Es gibt im Es nichts, was man der
Negation gleichstellen könnte, auch nimmt man mit Überraschung die Ausnahme von dem Satz
der Philosophen wahr, daß Raum und Zeit notwendige Formen unserer seelischen Akte seien. Im
Es findet sich nichts, was der Zeitvorstellung entspricht, keine Anerkennung eines zeitlichen
Ablaufs und, was höchst merkwürdig ist und seiner Würdigung im philosophischen Denken
wartet, keine Veränderung des seelischen Vorgangs durch den Zeitablauf. Wunschregungen, die
das Es nie überschritten haben, aber auch Eindrücke, die durch Verdrängung ins Es versenkt
worden sind, sind virtuell unsterblich, verhalten sich nach Dezennien, als ob sie neu vorgefallen
wären. Als Vergangenheit erkannt, entwertet und ihrer Energiebesetzung beraubt können sie erst
werden, wenn sie durch die analytische Arbeit bewußt geworden sind, und darauf beruht nicht
zum kleinsten Teil die therapeutische Wirkung der analytischen Behandlung.
Ich habe immer wieder den Eindruck, daß wir aus dieser über jedem Zweifel feststehenden
Tatsache der Unveränderlichkeit des Verdrängten durch die Zeit viel zu wenig für unsere Theorie
gemacht haben. Da scheint sich doch ein Zugang zu den tiefsten Einsichten zu eröffnen. Leider
bin auch ich da nicht weitergekommen.
Selbstverständlich kennt das Es keine Wertungen, kein Gut und Böse, keine Moral. Das
ökonomische oder, wenn Sie wollen, quantitative Moment, mit dem Lustprinzip innig verknüpft,
beherrscht alle Vorgänge. Triebbesetzungen, die nach Abfuhr verlangen, das, meinen wir, sei
alles im Es. Es scheint sogar, daß sich die Energie dieser Triebregungen in einem andern Zustand
befindet als in den andern seelischen Bezirken, weit leichter beweglich und abfuhrfähig ist, denn
sonst würden nicht jene Verschiebungen und Verdichtungen vorfallen, die für das Es
charakteristisch sind und die so vollkommen von der Qualität des Besetzten – im Ich würden wir
es eine Vorstellung nennen – absehen. Man gäbe was darum, wenn man von diesen Dingen mehr
verstehen könnte! Sie sehen übrigens, daß wir in der Lage sind, vom Es noch andere
Eigenschaften anzugeben, als daß es unbewußt ist, und Sie erkennen die Möglichkeit, daß Teile
vom Ich und Über-Ich unbewußt seien, ohne die nämlichen primitiven und irrationellen
Charaktere zu besitzen. Zu einer Charakteristik des eigentlichen Ichs, insofern es sich vom Es
und vom Über-Ich sondern läßt, gelangen wir am ehesten, wenn wir seine Beziehung zum
äußersten oberflächlichen Stück des seelischen Apparats ins Auge fassen, das wir als das System
W-Bw bezeichnen. Dieses System ist der Außenwelt zugewendet, es vermittelt die
Wahrnehmungen von ihr, in ihm entsteht während seiner Funktion das Phänomen des
Bewußtseins. Es ist das Sinnesorgan des ganzen Apparats, empfänglich übrigens nicht nur für
Erregungen, die von außen, sondern auch für solche, die aus dem Inneren des Seelenlebens
herankommen. Die Auffassung bedarf kaum einer Rechtfertigung, daß das Ich jener Teil des Es
ist, der durch die Nähe und den Einfluß der Außenwelt modifiziert wurde, zur Reizaufnahme und
zum Reizschutz eingerichtet, vergleichbar der Rindenschicht, mit der sich ein Klümpchen
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin