Page - 311 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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lebender Substanz umgibt. Die Beziehung zur Außenwelt ist für das Ich entscheidend geworden,
es hat die Aufgabe übernommen, sie bei dem Es zu vertreten, zum Heil des Es, das ohne
Rücksicht auf diese übergewaltige Außenmacht im blinden Streben nach Triebbefriedigung der
Vernichtung nicht entgehen würde. In der Erfüllung dieser Funktion muß das Ich die Außenwelt
beobachten, eine getreue Abbildung von ihr in den Erinnerungsspuren seiner Wahrnehmungen
niederlegen, durch die Tätigkeit der Realitätsprüfung fernhalten, was an diesem Bild der
Außenwelt Zutat aus inneren Erregungsquellen ist. Im Auftrag des Es beherrscht das Ich die
Zugänge zur Motilität, aber es hat zwischen Bedürfnis und Handlung den Aufschub der
Denkarbeit eingeschaltet, während dessen es die Erinnerungsreste der Erfahrung verwertet. Auf
solche Weise hat es das Lustprinzip entthront, das uneingeschränkt den Ablauf der Vorgänge im
Es beherrscht, und es durch das Realitätsprinzip ersetzt, das mehr Sicherheit und größeren Erfolg
verspricht.
Auch die so schwer zu beschreibende Beziehung zur Zeit wird dem Ich durch das
Wahrnehmungssystem vermittelt; es ist kaum zweifelhaft, daß die Arbeitsweise dieses Systems
der Zeitvorstellung den Ursprung gibt. Was das Ich zum Unterschied vom Es aber ganz
besonders auszeichnet, ist ein Zug zur Synthese seiner Inhalte, zur Zusammenfassung und
Vereinheitlichung seiner seelischen Vorgänge, der dem Es völlig abgeht. Wenn wir nächstens
einmal von den Trieben im Seelenleben handeln, wird es uns hoffentlich gelingen, diesen
wesentlichen Charakter des Ichs auf seine Quelle zurückzuführen. Er allein stellt jenen hohen
Grad von Organisation her, dessen das Ich bei seinen besten Leistungen bedarf. Es entwickelt
sich von der Triebwahrnehmung zur Triebbeherrschung, aber die letztere wird nur dadurch
erreicht, daß die Triebrepräsentanz in einen größeren Verband eingeordnet, in einen
Zusammenhang aufgenommen wird. Wenn wir uns populären Redeweisen anpassen, dürfen wir
sagen, daß das Ich im Seelenleben Vernunft und Besonnenheit vertritt, das Es aber die
ungezähmten Leidenschaften.
Wir haben uns bisher durch die Aufzählung der Vorzüge und Fähigkeiten des Ichs imponieren
lassen; es ist jetzt Zeit, auch der Kehrseite zu gedenken. Das Ich ist doch nur ein Stück vom Es,
ein durch die Nähe der gefahrdrohenden Außenwelt zweckmäßig verändertes Stück. In
dynamischer Hinsicht ist es schwach, seine Energien hat es dem Es entlehnt, und wir sind nicht
ganz ohne Einsicht in die Methoden, man könnte sagen: in die Schliche, durch die es dem Es
weitere Energiebeträge entzieht. Ein solcher Weg ist zum Beispiel auch die Identifizierung mit
beibehaltenen oder aufgegebenen Objekten. Die Objektbesetzungen gehen von den
Triebansprüchen des Es aus. Das Ich hat sie zunächst zu registrieren. Aber indem es sich mit dem
Objekt identifiziert, empfiehlt es sich dem Es an Stelle des Objekts, will es die Libido des Es auf
sich lenken. Wir haben schon gehört, daß das Ich im Lauf des Lebens eine große Anzahl von
solchen Niederschlägen ehemaliger Objektbesetzungen in sich aufnimmt. Im ganzen muß das Ich
die Absichten des Es durchführen, es erfüllt seine Aufgabe, wenn es die Umstände ausfindig
macht, unter denen diese Absichten am besten erreicht werden können. Man könnte das
Verhältnis des Ichs zum Es mit dem des Reiters zu seinem Pferd vergleichen. Das Pferd gibt die
Energie für die Lokomotion her, der Reiter hat das Vorrecht, das Ziel zu bestimmen, die
Bewegung des starken Tieres zu leiten. Aber zwischen Ich und Es ereignet sich allzu häufig der
nicht ideale Fall, daß der Reiter das Roß dahin führen muß, wohin es selbst gehen will.
Von einem Teil des Es hat sich das Ich durch Verdrängungswiderstände geschieden. Aber die
Verdrängung setzt sich nicht in das Es fort. Das Verdrängte fließt mit dem übrigen Es zusammen.
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin