Page - 312 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
Image of the Page - 312 -
Text of the Page - 312 -
Ein Sprichwort warnt davor, gleichzeitig zwei Herren zu dienen. Das arme Ich hat es noch
schwerer, es dient drei gestrengen Herren, ist bemüht, deren Ansprüche und Forderungen in
Einklang miteinander zu bringen. Diese Ansprüche gehen immer auseinander, scheinen oft
unvereinbar zu sein; kein Wunder, wenn das Ich so oft an seiner Aufgabe scheitert. Die drei
Zwingherren sind die Außenwelt, das Überich und das Es. Wenn man die Anstrengungen des
Ichs verfolgt, ihnen gleichzeitig gerecht zu werden, besser gesagt: ihnen gleichzeitig zu
gehorchen, kann man nicht bereuen, dieses Ich personifiziert, es als ein besonderes Wesen
hingestellt zu haben. Es fühlt sich von drei Seiten her eingeengt, von dreierlei Gefahren bedroht,
auf die es im Falle der Bedrängnis mit Angstentwicklung reagiert. Durch seine Herkunft aus den
Erfahrungen des Wahrnehmungssystems ist es dazu bestimmt, die Anforderungen der Außenwelt
zu vertreten, aber es will auch der getreue Diener des Es sein, im Einvernehmen mit ihm bleiben,
sich ihm als Objekt empfehlen, seine Libido auf sich ziehen. In seinem Vermittlungsbestreben
zwischen Es und Realität ist es oft genötigt, die ubw Gebote des Es mit seinen vbw
Rationalisierungen zu bekleiden, die Konflikte des Es mit der Realität zu vertuschen, mit
diplomatischer Unaufrichtigkeit eine Rücksichtnahme auf die Realität vorzuspiegeln, auch wenn
das Es starr und unnachgiebig geblieben ist. Anderseits wird es auf Schritt und Tritt von dem
gestrengen Über-Ich beobachtet, das ihm bestimmte Normen seines Verhaltens vorhält, ohne
Rücksicht auf die Schwierigkeiten von seiten des Es und der Außenwelt zu nehmen, und es im
Falle der Nichteinhaltung mit den Spannungsgefühlen der Minderwertigkeit und des
Schuldbewußtseins bestraft. So vom Es getrieben, vom Über-Ich eingeengt, von der Realität
zurückgestoßen, ringt das Ich um die Bewältigung seiner ökonomischen Aufgabe, die Harmonie
unter den Kräften und Einflüssen herzustellen, die in ihm und auf es wirken, und wir verstehen,
warum wir so oft den Ausruf nicht unterdrücken können: Das Leben ist nicht leicht! Wenn das
Ich seine Schwäche einbekennen muß, bricht es in Angst aus, Realangst vor der Außenwelt,
Gewissensangst vor dem Über-Ich, neurotische Angst vor der Stärke der Leidenschaften im Es.
Die Strukturverhältnisse der seelischen Persönlichkeit, die ich vor Ihnen entwickelt habe, möchte
ich in einer anspruchslosen Zeichnung darstellen, die ich Ihnen hier vorlege.
312
back to the
book Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)"
Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin