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32. Vorlesung
Angst und Triebleben
Meine Damen und Herren! Sie werden nicht überrascht sein zu hören, daß ich Ihnen manche
Neuheiten von unserer Auffassung der Angst und der Grundtriebe des Seelenlebens zu berichten
habe, auch nicht, daß keine derselben als endgültige Lösung der schwebenden Probleme gelten
will. In bestimmter Absicht spreche ich hier von Auffassungen. Es sind die schwierigsten
Aufgaben, die uns gestellt werden, aber die Schwierigkeit liegt nicht etwa an der
Unzulänglichkeit der Beobachtungen, es sind gerade die häufigsten und vertrautesten
Phänomene, die uns jene Rätsel aufgeben; auch nicht an der Entlegenheit der Spekulationen, zu
denen sie anregen; spekulative Verarbeitung kommt auf diesem Gebiet wenig in Betracht.
Sondern es handelt sich wirklich um Auffassungen, d. h. darum, die richtigen abstrakten
Vorstellungen einzuführen, deren Anwendung auf den Rohstoff der Beobachtung Ordnung und
Durchsichtigkeit in ihm entstehen läßt.
Der Angst habe ich bereits eine Vorlesung der früheren Reihe, die fünfundzwanzigste, gewidmet.
Ich muß deren Inhalt in Verkürzung wiederholen. Wir haben gesagt, Angst sei ein Affektzustand,
also eine Vereinigung von bestimmten Empfindungen der Lust-Unlust-Reihe mit den ihnen
entsprechenden Abfuhrinnervationen und deren Wahrnehmung, wahrscheinlich aber der
Niederschlag eines gewissen bedeutungsvollen Ereignisses, durch Vererbung einverleibt, also
vergleichbar dem individuell erworbenen hysterischen Anfall. Als jenes Ereignis, das eine solche
Affektspur hinterlassen, haben wir den Vorgang der Geburt in Anspruch genommen, bei dem die
der Angst eigenen Beeinflussungen von Herztätigkeit und Atmung zweckmäßig waren. Die
allererste Angst wäre also eine toxische gewesen. Wir sind dann von der Unterscheidung
zwischen Realangst und neurotischer Angst ausgegangen, die erstere eine uns begreiflich
scheinende Reaktion auf die Gefahr, d.
h. auf erwartete Schädigung von außen, die andere
durchaus rätselhaft, wie zwecklos. In einer Analyse der Realangst haben wir sie auf einen
Zustand gesteigerter sensorischer Aufmerksamkeit und motorischer Spannung reduziert, den wir
Angstbereitschaft heißen. Aus dieser entwickle sich die Angstreaktion. In der seien zwei
Ausgänge möglich. Entweder die Angstentwicklung, die Wiederholung des alten traumatischen
Erlebnisses, beschränkt sich auf ein Signal, dann kann die übrige Reaktion sich der neuen
Gefahrlage anpassen, in Flucht oder Verteidigung ausgehen, oder das Alte behält die Oberhand,
die gesamte Reaktion erschöpft sich in der Angstentwicklung, und dann wird der Affektzustand
lähmend und für die Gegenwart unzweckmäßig.
Wir haben uns dann zur neurotischen Angst gewendet und gesagt, daß wir sie unter dreierlei
Verhältnissen beobachten. Erstens als frei flottierende, allgemeine Ängstlichkeit, bereit, sich
vorübergehend mit jeder neu auftauchenden Möglichkeit zu verknüpfen, als sogenannte
Erwartungsangst, wie z. B. bei der typischen Angstneurose. Zweitens fest gebunden an bestimmte
Vorstellungsinhalte in den sogenannten Phobien, bei denen wir eine Beziehung zur äußeren
Gefahr zwar noch erkennen mögen, aber die Angst vor ihr für maßlos übertrieben halten müssen.
Endlich drittens die Angst bei der Hysterie und anderen Formen schwerer Neurosen, die
entweder Symptome begleitet oder unabhängig auftritt als Anfall oder länger anhaltender
Zustand, immer aber ohne ersichtliche Begründung durch eine äußere Gefahr. Wir haben uns
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin