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dann die zwei Fragen vorgelegt: Wovor fürchtet man sich bei neurotischer Angst? und: Wie kann
man diese mit der Realangst vor äußeren Gefahren zusammenbringen?
Unsere Untersuchungen sind keineswegs erfolglos geblieben, wir haben einige wichtige
Aufschlüsse gewonnen. In bezug auf die ängstliche Erwartung hat uns die klinische Erfahrung
einen regelmäßigen Zusammenhang mit dem Libidohaushalt im Sexualleben kennen gelehrt. Die
gewöhnlichste Ursache der Angstneurose ist die frustrane Erregung. Es wird eine libidinöse
Erregung hervorgerufen, aber nicht befriedigt, nicht verwendet; an Stelle dieser von ihrer
Verwendung abgelenkten Libido tritt dann die Ängstlichkeit auf. Ich glaubte mich sogar
berechtigt zu sagen, diese unbefriedigte Libido verwandle sich direkt in Angst. Diese Auffassung
fand eine Unterstützung in gewissen ganz regelmäßigen Phobien der kleinen Kinder. Viele dieser
Phobien sind uns durchaus rätselhaft, andere aber, wie die Angst im Alleinsein und die vor
fremden Personen, lassen eine sichere Erklärung zu. Die Einsamkeit sowie das fremde Gesicht
erwecken die Sehnsucht nach der vertrauten Mutter; das Kind kann diese libidinöse Erregung
nicht beherrschen, nicht in Schwebe halten, sondern verwandelt sie in Angst. Diese Kinderangst
ist also nicht der Realangst, sondern der neurotischen zuzurechnen. Die Kinderphobien und die
Angsterwartung der Angstneurose geben uns zwei Beispiele für die eine Art, wie neurotische
Angst entsteht: Durch direkte Umwandlung der Libido. Einen zweiten Mechanismus werden wir
sofort kennenlernen; es wird sich zeigen, daß er vom ersten nicht sehr verschieden ist.
Für die Angst bei der Hysterie und anderen Neurosen machen wir nämlich den Vorgang der
Verdrängung verantwortlich. Wir meinen, wir können diesen vollständiger als vorhin
beschreiben, wenn wir das Schicksal der zu verdrängenden Vorstellung von dem des ihr
anhaftenden Libidobetrags gesondert halten. Es ist die Vorstellung, die die Verdrängung erfährt,
eventuell zum Unkenntlichen entstellt wird; ihr Affektbetrag aber wird regelmäßig in Angst
verwandelt und zwar gleichgültig, von welcher Art er sein mag, ob Aggression oder Liebe. Nun
macht es keinen wesentlichen Unterschied, aus welchem Grund ein Libidobetrag unverwendbar
geworden ist, ob aus infantiler Schwäche des Ichs wie bei den Kinderphobien, infolge
somatischer Vorgänge im Sexualleben wie bei der Angstneurose oder durch Verdrängung wie bei
der Hysterie. Die beiden Mechanismen der Entstehung neurotischer Angst fallen also eigentlich
zusammen.
Während dieser Untersuchungen sind wir auf eine höchst bedeutsame Beziehung zwischen
Angstentwicklung und Symptombildung aufmerksam geworden, nämlich, daß die beiden
einander vertreten und ablösen. Der Agoraphobe z.
B. beginnt seine Leidensgeschichte mit einem
Angstanfall auf der Straße. Dieser würde sich jedesmal wiederholen, wenn er wieder auf die
Straße ginge. Er schafft nun das Symptom der Straßenangst, das man auch eine Hemmung,
Funktionseinschränkung des Ichs heißen kann, und erspart sich dadurch den Angstanfall. Das
Umgekehrte sieht man, wenn man sich, wie es z. B. bei Zwangshandlungen möglich ist, in die
Symptombildung einmengt. Hindert man den Kranken, sein Waschzeremoniell auszuführen, so
gerät er in einen schwer erträglichen Angstzustand, gegen den ihn offenbar sein Symptom
geschützt hatte. Und zwar scheint es, daß die Angstentwicklung das Frühere, die
Symptombildung das Spätere ist, als ob die Symptome geschaffen würden, um den Ausbruch des
Angstzustandes zu vermeiden. Und dazu stimmt es auch, daß die ersten Neurosen des
Kindesalters Phobien sind, Zustände, an denen man so deutlich erkennt, wie eine anfängliche
Angstentwicklung durch die spätere Symptombildung abgelöst wird: man empfängt den
Eindruck, daß man von diesen Beziehungen her den besten Zugang zum Verständnis der
neurotischen Angst finden wird. Gleichzeitig ist es uns auch gelungen, die Frage zu beantworten,
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin