Page - 318 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Gefahr, also eine Realangst. Es ist richtig, der Knabe bekommt Angst vor einem Anspruch seiner
Libido, in diesem Falle vor der Liebe zu seiner Mutter, es ist also wirklich ein Fall von
neurotischer Angst. Aber diese Verliebtheit erscheint ihm nur darum als eine innere Gefahr, der
er sich durch den Verzicht auf dieses Objekt entziehen muß, weil sie eine äußere Gefahrsituation
heraufbeschwört. Und in allen Fällen, die wir untersuchen, erhalten wir dasselbe Resultat.
Bekennen wir es nur, wir waren nicht darauf gefaßt, daß sich die innere Triebgefahr als eine
Bedingung und Vorbereitung einer äußeren, realen Gefahrsituation herausstellen würde.
Wir haben aber noch gar nicht gesagt, was die reale Gefahr ist, die das Kind als Folge seiner
Mutterverliebtheit fürchtet. Es ist die Strafe der Kastration, der Verlust seines Gliedes. Natürlich
werden Sie einwerfen, das sei doch keine reale Gefahr. Unsere Knaben werden doch nicht
kastriert, weil sie in der Phase des Ödipuskomplexes in die Mutter verliebt sind. Aber das ist
nicht so einfach abzutun. Vor allem kommt es nicht darauf an, ob die Kastration wirklich geübt
wird; entscheidend ist, daß die Gefahr eine von außen drohende ist und daß das Kind an sie
glaubt. Dazu hat es einigen Anlaß, denn man droht ihm oft genug mit dem Abschneiden des
Gliedes während seiner phallischen Phase, in der Zeit seiner frühen Onanie, und Andeutungen
dieser Strafe dürften regelmäßig eine phylogenetische Verstärkung bei ihm finden. Wir vermuten,
in den Urzeiten der menschlichen Familie wurde die Kastration vom eifersüchtigen und
grausamen Vater wirklich an den heranwachsenden Knaben vollzogen, und die Beschneidung,
die bei den Primitiven so häufig ein Bestandteil des Mannbarkeitsrituals ist, sei ein gut
kenntlicher Rest von ihr. Wir wissen, wie weit wir uns damit von der allgemeinen Ansicht
entfernen, aber wir müssen daran festhalten, daß die Kastrationsangst einer der häufigsten und
stärksten Motoren der Verdrängung und damit der Neurosenbildung ist. Analysen von Fällen, in
denen zwar nicht die Kastration, aber wohl die Beschneidung bei Knaben als Therapie oder als
Strafe für die Onanie vollzogen wurde, was in der anglo-amerikanischen Gesellschaft gar nicht so
selten geschah, haben unserer Überzeugung die letzte Sicherheit gegeben. Es ist eine große
Verlockung, an dieser Stelle näher auf den Kastrationskomplex einzugehen, aber wir wollen bei
unserem Thema bleiben. Die Kastrationsangst ist natürlich nicht das einzige Motiv der
Verdrängung, sie hat ja bereits bei den Frauen keine Stätte, die zwar einen Kastrationskomplex
haben, aber keine Kastrationsangst haben können. An ihre Stelle tritt beim anderen Geschlecht
die Angst vor dem Liebesverlust, ersichtlich eine Fortbildung der Angst des Säuglings, wenn er
die Mutter vermißt. Sie verstehen, welche reale Gefahrsituation durch diese Angst angezeigt
wird. Wenn die Mutter abwesend ist oder dem Kind ihre Liebe entzogen hat, ist es ja der
Befriedigung seiner Bedürfnisse nicht mehr sicher, möglicherweise den peinlichsten
Spannungsgefühlen ausgesetzt. Weisen Sie die Idee nicht ab, daß diese Angstbedingungen im
Grunde die Situation der ursprünglichen Geburtsangst wiederholen, die ja auch eine Trennung
von der Mutter bedeutete. Ja wenn Sie einem Gedankengang von Ferenczi folgen, können Sie
auch die Kastrationsangst dieser Reihe anschließen, denn der Verlust des männlichen Gliedes hat
ja die Unmöglichkeit einer Wiedervereinigung mit der Mutter oder dem Ersatz für sie im
Sexualakt zur Folge. Ich erwähne Ihnen nebenbei, die so häufige Phantasie der Rückkehr in den
Mutterleib ist der Ersatz dieses Koituswunsches. Es gäbe hier noch so viel interessante Dinge und
überraschende Zusammenhänge zu berichten, aber ich kann nicht über den Rahmen einer
Einführung in die Psychoanalyse hinausgehen, will Sie nur noch aufmerksam machen, wie hier
psychologische Ermittlungen bis zu biologischen Tatsachen vorstoßen.
Otto Rank, dem die Psychoanalyse viele schöne Beiträge verdankt, hat auch das Verdienst, die
Bedeutung des Geburtsakts und der Trennung von der Mutter nachdrücklich betont zu haben.
Allerdings fanden wir es alle unmöglich, die extremen Folgerungen anzunehmen, die er aus
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin