Page - 321 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Mißvergnügen erregen zu müssen. Ich kann mir aber kein anderes Ziel setzen, als daß Sie einen
Eindruck empfangen von der Art unserer Ergebnisse und den Schwierigkeiten ihrer Erarbeitung.
Je tiefer wir in das Studium der seelischen Vorgänge eindringen, desto mehr erkennen wir deren
Reichhaltigkeit und Verwicklung. Manche einfache Formel, die uns anfangs zu entsprechen
schien, hat sich später als unzureichend herausgestellt. Wir werden nicht müde, sie abzuändern
und zu verbessern. In der Vorlesung über Traumtheorie habe ich Sie in ein Gebiet geführt, auf
dem sich in fünfzehn Jahren kaum ein neuer Fund ergeben hatte; hier, wo wir von der Angst
handeln, sehen Sie alles in Fluß und Wandlung begriffen. Diese neuen Dinge sind auch noch
nicht gründlich durchgearbeitet worden, vielleicht macht ihre Darstellung auch darum
Schwierigkeiten. Halten Sie aus, wir werden das Thema der Angst bald verlassen können; ich
behaupte nicht, daß es dann zu unserer Befriedigung erledigt sein wird. Hoffentlich sind wir doch
um ein Stückchen weiter gekommen. Und unterwegs haben wir allerlei neue Einsichten
erworben. So werden wir auch jetzt durch das Studium der Angst veranlaßt, unserer Schilderung
des Ichs einen neuen Zug hinzuzufügen. Wir haben gesagt, das Ich sei schwach gegen das Es, sei
sein getreuer Diener, bemüht, dessen Befehle durchzuführen, dessen Forderungen zu erfüllen.
Wir denken nicht daran, diesen Satz zurückzunehmen. Aber anderseits ist dies Ich doch der
besser organisierte, gegen die Realität orientierte Teil des Es. Wir dürfen die Sonderung beider
nicht zu sehr übertreiben, auch nicht überrascht sein, wenn dem Ich seinerseits ein Einfluß auf die
Vorgänge im Es zustünde. Ich meine, diesen Einfluß übt das Ich aus, indem es mittels des
Angstsignals das fast allmächtige Lust-Unlust-Prinzip in Tätigkeit bringt. Allerdings unmittelbar
darauf zeigt es wieder seine Schwäche, denn durch den Akt der Verdrängung verzichtet es auf ein
Stück seiner Organisation, muß zulassen, daß die verdrängte Triebregung dauernd seinem Einfluß
entzogen bleibt.
Und jetzt nur noch eine Bemerkung zum Angstproblem! Die neurotische Angst hat sich uns unter
unseren Händen in Realangst verwandelt, in Angst vor bestimmten äußeren Gefahrsituationen.
Aber dabei kann es nicht bleiben, wir müssen einen weiteren Schritt machen, der aber ein Schritt
zurück sein wird. Wir fragen uns, was ist denn eigentlich das Gefährliche, das Gefürchtete an
einer solchen Gefahrsituation? Offenbar nicht die objektiv zu beurteilende Schädigung der
Person, die psychologisch gar nichts zu bedeuten brauchte, sondern was von ihr im Seelenleben
angerichtet wird. Die Geburt z. B., unser Vorbild für den Angstzustand, kann doch kaum an sich
als eine Schädigung betrachtet werden, wenngleich die Gefahr von Schädigungen dabei sein mag.
Das Wesentliche an der Geburt wie an jeder Gefahrsituation ist, daß sie im seelischen Erleben
einen Zustand von hochgespannter Erregung hervorruft, der als Unlust verspürt wird und dessen
man durch Entladung nicht Herr werden kann. Heißen wir einen solchen Zustand, an dem die
Bemühungen des Lustprinzips scheitern, einen traumatischen Moment, so sind wir über die
Reihe neurotische Angst-Realangst-Gefahrsituation zu dem einfachen Satz gelangt: das
Gefürchtete, der Gegenstand der Angst, ist jedesmal das Auftreten eines traumatischen Moments,
der nicht nach der Norm des Lustprinzips erledigt werden kann. Wir verstehen sofort, durch die
Begabung mit dem Lustprinzip sind wir nicht gegen objektive Schädigungen gesichert worden,
sondern nur gegen eine bestimmte Schädigung unserer psychischen Ökonomie. Vom Lustprinzip
zum Selbsterhaltungstrieb ist noch ein weiter Weg, es fehlt viel daran, daß beider Absichten sich
vom Anfang an decken. Wir sehen aber auch noch etwas anderes; vielleicht ist dies die Lösung,
die wir suchen. Nämlich, daß es sich hier überall um die Frage der relativen Quantitäten handelt.
Nur die Größe der Erregungssumme macht einen Eindruck zum traumatischen Moment, lähmt
die Leistung des Lustprinzips, gibt der Gefahrsituation ihre Bedeutung. Und wenn es sich so
verhält, wenn sich diese Rätsel durch eine so nüchterne Auskunft beheben, warum sollte es nicht
möglich sein, daß derartige traumatische Momente sich im Seelenleben ohne Beziehung auf die
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin