Page - 322 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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angenommenen Gefahrsituationen ereignen, bei denen also die Angst nicht als Signal geweckt
wird, sondern neu mit frischer Begründung entsteht? Die klinische Erfahrung sagt mit
Bestimmtheit aus, daß es wirklich so ist. Nur die späteren Verdrängungen zeigen den
Mechanismus, den wir beschrieben haben, bei dem die Angst als Signal einer früheren
Gefahrsituation wachgerufen wird; die ersten und ursprünglichen entstehen direkt bei dem
Zusammentreffen des Ichs mit einem übergroßen Libidoanspruch aus traumatischen Momenten,
sie bilden ihre Angst neu, allerdings nach dem Geburtsvorbild. Dasselbe mag für die
Angstentwicklung bei Angstneurose durch somatische Schädigung der Sexualfunktion gelten.
Daß es die Libido selbst ist, die dabei in Angst verwandelt wird, werden wir nicht mehr
behaupten. Aber gegen eine zweifache Herkunft der Angst, einmal als direkte Folge des
traumatischen Moments, das andere Mal als Signal, daß die Wiederholung eines solchen droht,
sehe ich keinen Einwand.
Meine Damen und Herren! Nun sind Sie gewiß froh, daß Sie nichts mehr über die Angst
anzuhören brauchen. Aber Sie haben nichts davon, es kommt nichts Besseres nach. Ich habe den
Vorsatz, Sie noch heute auf das Gebiet der Libidotheorie oder Trieblehre zu führen, wo sich
gleichfalls manches neu gestaltet hat. Ich will nicht sagen, daß wir hierin große Fortschritte
gemacht haben, so daß es Ihnen jede Mühe lohnen würde, davon Kenntnis zu nehmen. Nein, es
ist ein Feld, auf dem wir mühsam nach Orientierung und Einsichten ringen; Sie sollen nur
Zeugen unserer Bemühung werden. Auch hier muß ich auf manches zurückgreifen, was ich Ihnen
früher vorgetragen habe.
Die Trieblehre ist sozusagen unsere Mythologie. Die Triebe sind mythische Wesen, großartig in
ihrer Unbestimmtheit. Wir können in unserer Arbeit keinen Augenblick von ihnen absehen und
sind dabei nie sicher, sie scharf zu sehen. Sie wissen, wie sich das populäre Denken mit den
Trieben auseinandersetzt. Man nimmt so viele und so verschiedenartige Triebe an, als man eben
braucht, einen Geltungs-, Nachahmungs-, Spiel-, Geselligkeitstrieb und viele dergleichen mehr.
Man nimmt sie gleichsam auf, läßt jeden seine besondere Arbeit tun und entläßt sie dann wieder.
Uns hat immer die Ahnung gerührt, daß hinter diesen vielen kleinen ausgeliehenen Trieben sich
etwas Ernsthaftes und Gewaltiges verbirgt, dem wir uns vorsichtig annähern möchten. Unser
erster Schritt war bescheiden genug. Wir sagten uns, man gehe wahrscheinlich nicht irre, wenn
man zunächst zwei Haupttriebe, Triebarten oder Triebgruppen unterscheide, nach den zwei
großen Bedürfnissen: Hunger und Liebe. So eifersüchtig wir sonst die Unabhängigkeit der
Psychologie von jeder anderen Wissenschaft verteidigen, hier stehe man doch im Schatten der
unerschütterlichen biologischen Tatsache, daß das lebende Einzelwesen zwei Absichten diene,
der Selbsterhaltung und der Arterhaltung, die unabhängig voneinander scheinen, unseres Wissens
noch keine gemeinsame Ableitung erfahren haben, deren Interessen einander im tierischen Leben
oft widerstreiten. Man treibe hier eigentlich biologische Psychologie, studiere die psychischen
Begleiterscheinungen biologischer Vorgänge. Als Vertreter dieser Auffassung sind die
»Ichtriebe« und die »Sexualtriebe« in die Psychoanalyse eingezogen. Zu den ersteren rechneten
wir alles, was mit der Erhaltung, Behauptung, Vergrößerung der Person zu tun hat. Den letzteren
mußten wir die Reichhaltigkeit leihen, die das infantile und das perverse Sexualleben verlangen.
Da wir bei der Untersuchung der Neurosen das Ich als die einschränkende, verdrängende Macht
kennenlernten, die Sexualstrebungen als das Eingeschränkte, Verdrängte, glaubten wir nicht nur
die Verschiedenheit, sondern auch den Konflikt zwischen beiden Triebgruppen mit Händen zu
greifen. Gegenstand unseres Studiums waren zunächst nur die Sexualtriebe, deren Energie wir
»Libido« benannten. An ihnen versuchten wir unsere Vorstellungen, was ein Trieb sei und was
man ihm zuschreiben dürfe, zu klären. Dies ist die Stelle der Libidotheorie.
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin