Page - 325 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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spezielle Neurosenpsychologie.
Triebumsetzungen und ähnliche Vorgänge haben wir besonders an der Analerotik, den
Erregungen aus den Quellen der erogenen Analzone, studieren können und waren überrascht, wie
vielfältigen Verwendungen diese Triebregungen zugeführt werden. Es ist vielleicht nicht leicht,
sich von der Geringschätzung frei zu machen, die im Laufe der Entwicklung gerade diese Zone
betroffen hat. Lassen wir uns darum von Abraham daran mahnen, daß der Anus embryologisch
dem Urmund entspricht, welcher bis zum Darmende herabgewandert ist. Wir erfahren dann, daß
mit der Entwertung des eigenen Kots, der Exkremente, dieses Triebinteresse aus analer Quelle
auf Objekte übergeht, die als Geschenk gegeben werden können. Und dies mit Recht, denn der
Kot war das erste Geschenk, das der Säugling machen konnte, dessen er sich aus Liebe zu seiner
Pflegerin entäußerte. Im weiteren, durchaus analog dem Bedeutungswandel in der
Sprachentwicklung, setzt sich dies alte Kotinteresse in die Wertschätzung von Gold und Geld um,
gibt aber auch seinen Beitrag zur affektiven Besetzung von Kind und von Penis. Nach der
Überzeugung aller Kinder, die ja lange Zeit an der Kloakentheorie festhalten, wird das Kind wie
ein Stück Kot aus dem Darm geboren; die Defäkation ist das Vorbild des Geburtsaktes. Aber
auch der Penis hat seinen Vorläufer in der Kotsäule, die das Schleimhautrohr des Darmes ausfüllt
und reizt. Wenn das Kind, widerwillig genug, zur Kenntnis genommen hat, daß es menschliche
Wesen gibt, die dieses Glied nicht besitzen, erscheint ihm der Penis als etwas vom Körper
Ablösbares und rückt in unverkennbare Analogie zum Exkrement, das ja das erste Stück
Leiblichkeit war, auf das man verzichten mußte. Ein großes Stück Analerotik wird so in
Penisbesetzung überführt, aber das Interesse an diesem Körperteil hat außer der analerotischen
eine vielleicht noch mächtigere orale Wurzel, denn nach der Einstellung des Säugens erbt der
Penis auch von der Brustwarze des mütterlichen Organs.
Es ist unmöglich, sich in den Phantasien, den vom Unbewußten beeinflußten Einfällen und in der
Symptomsprache des Menschen zurechtzufinden, wenn man diese tiefliegenden Beziehungen
nicht kennt. Kot-Geld-Geschenk-Kind-Penis werden hier wie gleichbedeutend behandelt, auch
durch gemeinsame Symbole vertreten. Vergessen Sie auch nicht, daß ich Ihnen nur sehr
unvollständige Mitteilungen machen konnte. Ich kann etwa eilig hinzufügen, daß auch das später
erwachende Interesse an der Vagina hauptsächlich analerotischer Herkunft ist. Es ist nicht
verwunderlich, denn die Vagina selbst ist nach einem guten Wort von Lou Andreas-Salomé dem
Enddarm »abgemietet«; im Leben der Homosexuellen, die ein gewisses Stück der
Sexualentwicklung nicht mitgemacht haben, wird sie auch wieder durch diesen vertreten. In
Träumen kommt häufig eine Lokalität vor, die früher ein einziger Raum war und jetzt durch eine
Wand in zwei geteilt ist oder auch umgekehrt. Damit ist immer das Verhältnis der Vagina zum
Darm gemeint. Wir können auch schön verfolgen, wie beim Mädchen normalerweise der ganz
und gar unweibliche Wunsch nach dem Besitz eines Penis sich in den Wunsch nach einem Kind
und dann nach einem Mann als Träger des Penis und Spender des Kindes umwandelt, so daß
auch hier sichtbar wird, wie ein Stück ursprünglich analerotischen Interesses die Aufnahme in die
spätere Genitalorganisation erwirbt.
Während solcher Studien an den prägenitalen Phasen der Libido haben sich uns auch einige neue
Einblicke in die Charakterbildung ergeben. Wir sind auf eine Trias von Eigenschaften
aufmerksam geworden, die ziemlich regelmäßig beisammen sind: Ordentlichkeit, Sparsamkeit
und Eigensinn, und haben aus der Analyse solcher Personen erschlossen, daß diese Eigenschaften
aus der Aufzehrung und andersartigen Verwendung ihrer Analerotik hervorgegangen sind. Wir
sprechen also von einem Analcharakter, wo wir diese auffällige Vereinigung finden, und bringen
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin