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den Analcharakter in einen gewissen Gegensatz zur unaufgearbeiteten Analerotik. Eine ähnliche,
vielleicht noch festere Beziehung fanden wir zwischen dem Ehrgeiz und der Urethralerotik. Eine
merkwürdige Anspielung auf diesen Zusammenhang entnahmen wir der Sage, daß Alexander der
Große in derselben Nacht geboren wurde, in der ein gewisser Herostrat aus eitler Ruhmsucht den
viel bewunderten Tempel der Artemis zu Ephesos in Brand steckte. Als ob den Alten ein solcher
Zusammenhang nicht unbekannt gewesen wäre! Wie viel das Urinieren mit Feuer und
Feuerlöschen zu tun hat, wissen Sie ja. Natürlich erwarten wir, daß auch andere
Charaktereigenschaften sich in ähnlicher Weise als Niederschläge oder Reaktionsbildungen
bestimmter prägenitaler Libidoformationen ergeben werden, können es aber noch nicht
aufzeigen.
Nun ist es aber an der Zeit, daß ich in der Geschichte wie im Thema zurückgreife und die
allgemeinsten Probleme des Trieblebens wieder aufnehme. Unserer Libidotheorie lag zunächst
der Gegensatz von Ichtrieben und Sexualtrieben zugrunde. Als wir dann später begannen, das Ich
selbst näher zu studieren und den Gesichtspunkt des Narzißmus erfaßten, verlor diese
Unterscheidung selbst ihren Boden. In seltenen Fällen kann man erkennen, daß das Ich sich selbst
zum Objekt nimmt, sich benimmt, als ob es in sich selbst verliebt wäre. Daher der der
griechischen Sage entlehnte Narzißmus. Aber das ist nur eine extreme Übersteigerung eines
normalen Sachverhalts. Man lernt verstehen, daß das Ich immer das Hauptreservoir der Libido
ist, von dem libidinöse Besetzungen der Objekte ausgehen und in das dieselben wieder
zurückkehren, während der Großteil dieser Libido stetig im Ich verbleibt. Es wird also
unausgesetzt Ichlibido in Objektlibido umgewandelt und Objektlibido in Ichlibido. Dann können
die beiden aber ihrer Natur nach nicht verschieden sein, dann hat es keinen Sinn, die Energie der
einen von der der anderen zu sondern, man kann die Bezeichnung Libido fallenlassen oder sie als
gleichbedeutend mit psychischer Energie überhaupt gebrauchen.
Wir sind nicht lange auf diesem Standpunkt verblieben. Die Ahnung von einer Gegensätzlichkeit
innerhalb des Trieblebens hat sich bald einen anderen, noch schärferen Ausdruck verschafft.
Diese Neuheit in der Trieblehre möchte ich aber nicht vor Ihnen ableiten; auch sie ruht im
wesentlichen auf biologischen Erwägungen; ich werde sie Ihnen als fertiges Produkt vorführen.
Wir nehmen an, daß es zwei wesensverschiedene Arten von Trieben gibt, die Sexualtriebe, im
weitesten Sinne verstanden, den Eros, wenn Sie diese Benennung vorziehen, und die
Aggressionstriebe, deren Ziel die Destruktion ist. Wenn Sie es so hören, werden Sie es kaum als
Neuheit gelten lassen; es scheint ein Versuch zur theoretischen Verklärung des banalen
Gegensatzes zwischen Lieben und Hassen, der vielleicht mit jener anderen Polarität von
Anziehung und Abstoßung zusammenfällt, welche die Physik für die anorganische Welt
annimmt. Aber es ist merkwürdig, daß diese Aufstellung doch von vielen als Neuerung
empfunden wird, und zwar als eine sehr unerwünschte, die möglichst bald wieder beseitigt
werden sollte. Ich nehme an, daß ein starkes affektives Moment sich in dieser Ablehnung
durchsetzt. Warum haben wir selbst so lange Zeit gebraucht, ehe wir uns zur Anerkennung eines
Aggressionstriebs entschlossen, warum nicht Tatsachen, die offen zutage liegen und jedermann
bekannt sind, ohne Zögern für die Theorie verwertet? Wahrscheinlich würde es auf geringen
Widerstand stoßen, wenn man den Tieren einen Trieb mit solchem Ziel zuschreiben wollte. Aber
ihn in die menschliche Konstitution aufzunehmen, erscheint frevelhaft; es widerspricht zu vielen
religiösen Voraussetzungen und sozialen Konventionen. Nein, der Mensch muß von Natur aus
gut oder wenigstens gutmütig sein. Wenn er sich gelegentlich brutal, gewalttätig, grausam zeigt,
so sind das vorübergehende Trübungen seines Gefühlslebens, meist provoziert, vielleicht nur
Folge der unzweckmäßigen Gesellschaftsordnungen, die er sich bisher gegeben hat.
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin