Page - 328 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Verhinderte Aggression scheint eine schwere Schädigung zu bedeuten; es sieht wirklich so aus,
als müßten wir anderes und andere zerstören, um uns nicht selbst zu zerstören, um uns vor der
Tendenz zur Selbstdestruktion zu bewahren. Gewiß eine traurige Eröffnung für den Ethiker!
Aber der Ethiker wird sich noch auf lange hinaus mit der Unwahrscheinlichkeit unserer
Spekulationen trösten. Ein sonderbarer Trieb, der sich mit der Zerstörung seines eigenen
organischen Heims befaßt! Die Dichter sprechen zwar von solchen Dingen, aber Dichter sind
unverantwortlich, sie genießen das Vorrecht der poetischen Lizenz. Allerdings sind ähnliche
Vorstellungen auch der Physiologie nicht fremd, z. B. die der Magenschleimhaut, die sich selbst
verdaut. Aber es ist zuzugeben, daß unser Selbstzerstörungstrieb einer breiteren Unterstützung
bedarf. Eine Annahme von solcher Tragweite kann man doch nicht bloß darum wagen, weil
einige arme Narren ihre Sexualbefriedigung an eine sonderbare Bedingung geknüpft haben. Ich
meine, ein vertieftes Studium der Triebe wird uns geben, was wir brauchen. Die Triebe regieren
nicht allein das seelische, sondern auch das vegetative Leben, und diese organischen Triebe
zeigen einen Charakterzug, der unser stärkstes Interesse verdient. Ob es ein allgemeiner
Charakter der Triebe ist, werden wir erst später beurteilen können. Sie enthüllen sich nämlich als
Bestreben, einen früheren Zustand wiederherzustellen. Wir können annehmen, vom Moment an,
da ein solcher einmal erreichter Zustand gestört worden, entsteht ein Trieb, ihn neu zu schaffen,
und bringt Phänomene hervor, die wir als Wiederholungszwang bezeichnen können. So ist die
Embryologie ein einziges Stück Wiederholungszwang; weit hinauf in die Tierreihe erstreckt sich
ein Vermögen, verlorene Organe neu zu bilden, und der Heiltrieb, dem wir, neben den
therapeutischen Hilfeleistungen, unsere Genesungen verdanken, dürfte der Rest dieser bei
niederen Tieren so großartig entwickelten Fähigkeit sein. Die Laichwanderungen der Fische,
vielleicht die Vögelflüge, möglicherweise alles, was wir bei den Tieren als Instinktäußerung
bezeichnen, erfolgt unter dem Gebot des Wiederholungszwangs, der die konservative Natur der
Triebe zum Ausdruck bringt. Auch auf seelischem Gebiet brauchen wir nicht lange nach
Äußerungen desselben zu suchen. Es ist uns aufgefallen, daß die vergessenen und verdrängten
Erlebnisse der früheren Kindheit sich während der analytischen Arbeit in Träumen und
Reaktionen, besonders in denen der Übertragung reproduzieren, obwohl ihre Wiedererweckung
dem Interesse des Lustprinzips zuwiderläuft, und wir haben uns die Erklärung gegeben, daß in
diesen Fällen ein Wiederholungszwang sich selbst über das Lustprinzip hinaussetzt. Auch
außerhalb der Analyse kann man ähnliches beobachten. Es gibt Menschen, die in ihrem Leben
ohne Korrektur immer die nämlichen Reaktionen zu ihrem Schaden wiederholen oder die selbst
von einem unerbittlichen Schicksal verfolgt scheinen, während doch eine genauere Untersuchung
lehrt, daß sie sich dieses Schicksal unwissentlich selbst bereiten. Wir schreiben dann dem
Wiederholungszwang den dämonischen Charakter zu.
Was kann aber dieser konservative Zug der Triebe für das Verständnis unserer Selbstzerstörung
leisten? Welchen früheren Zustand wollte ein solcher Trieb wiederherstellen? Nun, die Antwort
liegt nicht ferne und eröffnet weite Perspektiven. Wenn es wahr ist, daß – in unvordenklicher Zeit
und auf unvorstellbare Weise – einmal aus unbelebter Materie das Leben hervorgegangen ist, so
muß nach unserer Voraussetzung damals ein Trieb entstanden sein, der das Leben wieder
aufheben, den anorganischen Zustand wieder herstellen will. Erkennen wir in diesem Trieb die
Selbstdestruktion unserer Annahme wieder, so dürfen wir diese als Ausdruck eines Todestriebes
erfassen, der in keinem Lebensprozeß vermißt werden kann. Und nun scheiden sich uns die
Triebe, an die wir glauben, in die zwei Gruppen der erotischen, die immer mehr lebende Substanz
zu größeren Einheiten zusammenballen wollen, und der Todestriebe, die sich diesem Streben
widersetzen und das Lebende in den anorganischen Zustand zurückführen. Aus dem Miteinander-
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin