Page - 329 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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und Gegeneinanderwirken der beiden gehen die Lebenserscheinungen hervor, denen der Tod ein
Ende setzt.
Sie werden vielleicht achselzuckend sagen: Das ist nicht Naturwissenschaft, das ist
Schopenhauersche Philosophie. Aber warum, meine Damen und Herren, sollte nicht ein kühner
Denker erraten haben, was dann nüchterne und mühselige Detailforschung bestätigt? Und dann,
alles ist schon einmal gesagt worden und vor Schopenhauer haben viele Ähnliches gesagt. Und
weiter, was wir sagen, ist nicht einmal richtiger Schopenhauer. Wir behaupten nicht, der Tod sei
das einzige Ziel des Lebens; wir übersehen nicht neben dem Tod das Leben. Wir anerkennen
zwei Grundtriebe und lassen jedem sein eigenes Ziel. Wie sich die beiden im Lebensprozeß
vermengen, wie der Todestrieb den Absichten des Eros dienstbar gemacht wird, zumal in seiner
Wendung nach außen als Aggression, das sind Aufgaben, die der Forschung der Zukunft
überlassen bleiben. Wir kommen nicht weiter als bis zur Stelle, wo sich eine solche Aussicht vor
uns auftut. Auch die Frage, ob der konservative Charakter nicht allen Trieben ausnahmslos
eignet, ob nicht auch die erotischen Triebe einen früheren Zustand wiederbringen wollen, wenn
sie die Synthese des Lebenden zu größeren Einheiten anstreben, auch diese Frage werden wir
unbeantwortet lassen müssen.
Wir haben uns ein wenig weit von unserer Basis entfernt. Ich will Ihnen nachträglich mitteilen,
welches der Ausgangspunkt dieser Überlegungen zur Trieblehre war. Derselbe, der uns zur
Revision der Beziehung zwischen dem Ich und dem Unbewußten geführt hat, der Eindruck aus
der analytischen Arbeit, daß der Patient, der Widerstand leistet, so oft von diesem Widerstand
nichts weiß. Aber nicht nur die Tatsache des Widerstands ist ihm unbewußt, auch die Motive
desselben sind es. Wir mußten nach diesen Motiven oder diesem Motiv forschen und fanden es
zu unserer Überraschung in einem starken Strafbedürfnis, das wir nur den masochistischen
Wünschen anreihen konnten. Die praktische Bedeutung dieses Fundes steht hinter seiner
theoretischen nicht zurück, denn dies Strafbedürfnis ist der schlimmste Feind unserer
therapeutischen Bemühung. Es wird durch das Leiden befriedigt, das mit der Neurose verbunden
ist, und hält darum am Kranksein fest. Es scheint, daß dieses Moment, das unbewußte
Strafbedürfnis, an jeder neurotischen Erkrankung beteiligt ist. Geradezu überzeugend wirken hier
Fälle, in denen sich das neurotische Leiden durch ein andersartiges ablösen läßt. Ich will Ihnen
von einer solchen Erfahrung berichten. Es war mir einmal gelungen, ein älteres Mädchen von
dem Symptomkomplex zu befreien, der sie durch etwa 15 Jahre zu einer qualvollen Existenz
verurteilt und von der Teilnahme am Leben ausgeschlossen hatte. Sie empfand sich nun als
gesund und stürzte sich in eine eifrige Tätigkeit, um ihre nicht geringfügigen Talente zu
entwickeln und sich noch ein Stück Geltung, Genuß und Erfolg zu erhaschen. Aber jeder ihrer
Versuche endete damit, daß man sie wissen ließ oder daß sie selbst einsah, sie sei zu alt
geworden, um auf diesem Gebiet etwas zu erreichen. Nach jedem solchen Ausgang wäre der
Rückfall in die Krankheit das nächste gewesen, aber das konnte sie nicht mehr zustande bringen;
anstatt dessen ereigneten sich ihr jedesmal Unfälle, die sie für eine Zeit lang außer Tätigkeit
setzten und leiden ließen. Sie war gefallen und hatte sich einen Fuß verstaucht oder ein Knie
verletzt, bei irgendeiner Hantierung eine Hand beschädigt. Aufmerksam gemacht, wie groß ihr
eigener Anteil an diesen anscheinenden Zufällen sein könnte, änderte sie sozusagen ihre Technik.
Anstatt der Unfälle traten bei den gleichen Veranlassungen leichte Erkrankungen auf, Katarrhe,
Anginen, grippeartige Zustände, rheumatische Schwellungen, bis endlich mit der Resignation, zu
der sie sich entschloß, der ganze Spuk vorüber war.
Über die Herkunft dieses unbewußten Strafbedürfnisses, meinen wir, ist kein Zweifel. Es
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin