Page - 330 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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benimmt sich wie ein Stück des Gewissens, wie die Fortsetzung unseres Gewissens ins
Unbewußte, es wird auch dieselbe Herkunft haben wie das Gewissen, also einem Stück
Aggression entsprechen, das verinnerlicht und vom Über-Ich übernommen wurde. Würden die
Worte nur besser zusammenpassen, so wäre es für alle praktischen Belange nur gerechtfertigt, es
»unbewußtes Schuldgefühl« zu heißen. Theoretisch sind wir eigentlich im Zweifel, ob wir
annehmen sollen, daß alle aus der Außenwelt zurückgekehrte Aggression vom Über-Ich
gebunden und somit gegen das Ich gewendet werde oder daß ein Teil von ihr seine stumme und
unheimliche Tätigkeit als freier Destruktionstrieb im Ich und Es ausübe. Wahrscheinlicher ist
eine solche Verteilung, doch wissen wir nichts weiter darüber. Bei der ersten Einsetzung des
Über-Ichs ist gewiß zur Ausstattung dieser Instanz jenes Stück Aggression gegen die Eltern
verwendet worden, dem das Kind infolge seiner Liebesfixierung wie der äußeren Schwierigkeiten
keine Abfuhr nach außen schaffen konnte, und darum braucht die Strenge des Über-Ichs nicht
einfach der Härte der Erziehung zu entsprechen. Es ist sehr wohl möglich, daß bei späteren
Anlässen zur Unterdrückung der Aggression der Trieb denselben Weg nimmt, der ihm in jenem
entscheidenden Zeitpunkte eröffnet wurde.
Personen, bei denen dies unbewußte Schuldgefühl übermächtig ist, verraten sich in der
analytischen Behandlung durch die prognostisch so unliebsame negative therapeutische Reaktion.
Wenn man ihnen eine Symptomlösung mitgeteilt hat, auf die normalerweise ein wenigstens
zeitweiliges Schwinden des Symptoms folgen sollte, erzielt man bei ihnen im Gegenteil eine
momentane Verstärkung des Symptoms und des Leidens. Es reicht oft hin, sie für ihr Benehmen
in der Kur zu beloben, einige hoffnungsvolle Worte über den Fortschritt der Analyse zu äußern,
um eine unverkennbare Verschlimmerung ihres Befindens herbeizuführen. Der Nicht-Analytiker
würde sagen, er vermisse den »Genesungswillen«; nach analytischer Denkweise sehen Sie in
diesem Benehmen eine Äußerung des unbewußten Schuldgefühls, dem Kranksein mit seinen
Leiden und Verhinderungen eben recht ist. Die Probleme, die das unbewußte Schuldgefühl
aufgerollt hat, seine Beziehungen zu Moral, Pädagogik, Kriminalität und Verwahrlosung sind
gegenwärtig das bevorzugte Arbeitsgebiet der Psychoanalytiker.
An unerwarteter Stelle sind wir hier aus der psychischen Unterwelt in den offenen Markt
eingebrochen. Ich kann Sie nicht weiter führen, aber mit einem Gedankengang muß ich Sie noch
aufhalten, ehe ich Sie für diesmal verabschiede. Es ist uns geläufig geworden zu sagen, daß
unsere Kultur auf Kosten sexueller Strebungen aufgebaut ist, die von der Gesellschaft gehemmt,
zum Teil zwar verdrängt, zum anderen Teil aber für neue Ziele nutzbar gemacht werden. Wir
haben auch bei allem Stolz auf unsere kulturellen Errungenschaften zugestanden, daß es uns nicht
leicht wird, die Anforderungen dieser Kultur zu erfüllen, uns in ihr wohl zu fühlen, weil die uns
auferlegten Triebbeschränkungen eine schwere psychische Belastung bedeuten. Nun, was wir für
die Sexualtriebe erkannt haben, gilt im gleichen, vielleicht in noch höherem Maße, für die
anderen, die Aggressionstriebe. Diese sind es vor allem, die das Zusammenleben der Menschen
erschweren und dessen Fortdauer bedrohen; Einschränkung seiner Aggression ist das erste,
vielleicht das schwerste Opfer, das die Gesellschaft vom Einzelnen zu fordern hat. Wir haben
erfahren, in wie ingeniöser Weise diese Bändigung des Widerspenstigen vollzogen wird. Die
Einsetzung des Über-Ichs, das die gefährlichen aggressiven Regungen an sich reißt, bringt
gleichsam eine Besatzung in die zum Aufruhr geneigte Stätte. Aber anderseits, rein
psychologisch betrachtet, muß man bekennen, das Ich fühlt sich nicht wohl dabei, wenn es so den
Bedürfnissen der Gesellschaft geopfert wird, wenn es sich den destruktiven Tendenzen der
Aggression unterwerfen muß, die es gern selbst gegen andere betätigt hätte. Es ist wie eine
Fortsetzung jenes Dilemmas vom Fressen und Gefressenwerden, das die organische Lebewelt
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin