Page - 337 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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die Aufdeckung sexueller Kindheitstraumen gerichtet war, erzählten mir fast alle meine
weiblichen Patienten, daß sie vom Vater verführt worden waren. Ich mußte endlich zur Einsicht
kommen, daß diese Berichte unwahr seien, und lernte so verstehen, daß die hysterischen
Symptome sich von Phantasien, nicht von realen Begebenheiten ableiten. Später erst konnte ich
in dieser Phantasie von der Verführung durch den Vater den Ausdruck des typischen
Ödipuskomplexes beim Weibe erkennen. Und nun findet man in der präödipalen Vorgeschichte
der Mädchen die Verführungsphantasie wieder, aber die Verführerin ist regelmäßig die Mutter.
Hier aber berührt die Phantasie den Boden der Wirklichkeit, denn es war wirklich die Mutter, die
bei den Verrichtungen der Körperpflege Lustempfindungen am Genitale hervorrufen, vielleicht
sogar zuerst erwecken mußte.
Ich erwarte, daß Sie zu dem Verdacht bereit seien, diese Schilderung von der Reichhaltigkeit und
der Stärke der sexuellen Beziehungen des kleinen Mädchens zu seiner Mutter sei sehr
überzeichnet. Man hat doch Gelegenheit, kleine Mädchen zu sehen, und merkt ihnen nichts
dergleichen an. Aber der Einwand trifft nicht zu; man kann genug an den Kindern sehen, wenn
man zu beobachten versteht, und überdies wollen Sie bedenken, wie wenig von seinen sexuellen
Wünschen das Kind zu vorbewußtem Ausdruck bringen oder gar mitteilen kann. Wir bedienen
uns dann nur eines guten Rechts, wenn wir nachträglich die Residuen und Konsequenzen dieser
Gefühlswelt an Personen studieren, bei denen diese Entwicklungsvorgänge eine besonders
deutliche oder selbst eine übermäßige Ausbildung erreicht hatten. Die Pathologie hat uns ja
immer den Dienst geleistet, durch Isolierung und Übertreibung Verhältnisse kenntlich zu machen,
die in der Normalität verdeckt geblieben wären. Und da unsere Untersuchungen keineswegs an
schwer abnormen Menschen ausgeführt worden sind, meine ich, wir dürfen ihre Ergebnisse für
glaubwürdig halten.
Wir werden jetzt unser Interesse auf die eine Frage richten, woran denn diese mächtige
Mutterbindung des Mädchens zugrunde geht. Wir wissen, das ist ihr gewöhnliches Schicksal; sie
ist dazu bestimmt, der Vaterbindung den Platz zu räumen. Da stoßen wir auf eine Tatsache, die
uns den weiteren Weg weist. Es handelt sich bei diesem Schritt in der Entwicklung nicht um
einen einfachen Wechsel des Objekts. Die Abwendung von der Mutter geschieht im Zeichen der
Feindseligkeit, die Mutterbindung geht in Haß aus. Ein solcher Haß kann sehr auffällig werden
und durchs ganze Leben anhalten, er kann später sorgfältig überkompensiert werden, in der Regel
wird ein Teil von ihm überwunden, ein anderer Teil bleibt bestehen. Darauf haben die
Begebenheiten späterer Jahre natürlich starken Einfluß. Wir beschränken uns aber darauf, ihn zur
Zeit der Wendung zum Vater zu studieren und nach seinen Motivierungen zu befragen. Wir
hören dann eine lange Liste von Anklagen und Beschwerden gegen die Mutter, die die
feindseligen Gefühle des Kindes rechtfertigen sollen, von sehr verschiedenem Wert, deren
Würdigung wir nicht unterlassen werden. Manche sind offenkundige Rationalisierungen, die
wirklichen Quellen der Feindschaft haben wir zu finden. Ich hoffe, Sie werden Anteil daran
nehmen, wenn ich Sie diesmal durch alle Details einer psychoanalytischen Untersuchung führe.
Der Vorwurf gegen die Mutter, der am weitesten zurückgreift, lautet, daß sie dem Kind zu wenig
Milch gespendet hat, was ihr als Mangel an Liebe ausgelegt wird. Nun hat dieser Vorwurf in
unseren Familien eine gewisse Berechtigung. Die Mütter haben oft nicht genug Nahrung für das
Kind und begnügen sich damit, es einige Monate, ein halbes oder dreiviertel Jahre zu säugen. Bei
primitiven Völkern werden die Kinder bis zu zwei und drei Jahren an der Mutterbrust genährt.
Die Gestalt der nährenden Amme wird in der Regel mit der Mutter verschmolzen; wo dies nicht
geschehen ist, wandelt sich der Vorwurf in den anderen, daß sie die Amme, die das Kind so
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin