Page - 340 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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der Frauen eine noch größere Rolle spielen als bei den Männern. Nicht daß diese Eigenschaften
bei Männern vermißt würden oder daß sie bei Frauen keine andere Wurzel hätten als den
Penisneid, aber wir sind geneigt, das Mehr bei den Frauen diesem letzteren Einfluß
zuzuschreiben. Es hat sich aber bei manchen Analytikern die Neigung ergeben, jenen ersten
Schub von Penisneid, in der phallischen Phase, in seiner Bedeutung herabzudrücken. Sie meinen,
was man von dieser Einstellung bei der Frau findet, sei der Hauptsache nach eine sekundäre
Bildung, die bei Gelegenheit späterer Konflikte durch Regression auf jene frühinfantile Regung
zustande gekommen. Nun ist das ein allgemeines Problem der Tiefenpsychologie. Bei vielen
pathologischen – oder auch nur ungewöhnlichen – Triebeinstellungen, z. B. bei allen sexuellen
Perversionen, fragt es sich, wieviel von deren Stärke den frühinfantilen Fixierungen, wieviel dem
Einfluß späterer Erlebnisse und Entwicklungen zuzuteilen ist. Es handelt sich dabei fast immer
um Ergänzungsreihen, wie wir sie bei der Erörterung der Neurosenätiologie angenommen haben.
Beide Momente teilen sich in wechselndem Ausmaß in die Verursachung; ein Minder auf der
einen Seite wird durch ein Mehr auf der anderen wettgemacht. Das Infantile ist in allen Fällen
richtunggebend, ausschlaggebend nicht immer, aber doch oftmals. Gerade im Fall des
Penisneides möchte ich mit Entschiedenheit für das Übergewicht des infantilen Moments
eintreten.
Die Entdeckung seiner Kastration ist ein Wendepunkt in der Entwicklung des Mädchens. Drei
Entwicklungsrichtungen gehen von ihr aus; die eine führt zur Sexualhemmung oder zur Neurose,
die nächste zur Charakterveränderung im Sinne eines Männlichkeitskomplexes, die letzte endlich
zur normalen Weiblichkeit. Über alle drei haben wir ziemlich viel, wenn auch nicht alles
erfahren. Der wesentliche Inhalt der ersten ist, daß das kleine Mädchen, welches bisher männlich
gelebt hatte, sich durch Erregung seiner Klitoris Lust zu verschaffen wußte und diese Betätigung
mit seinen oft aktiven Sexualwünschen, die der Mutter galten, in Beziehung brachte, sich durch
den Einfluß des Penisneides den Genuß seiner phallischen Sexualität verderben läßt. Durch den
Vergleich mit dem so viel besser ausgestatteten Knaben in seiner Selbstliebe gekränkt, verzichtet
es auf die masturbatorische Befriedigung an der Klitoris, verwirft seine Liebe zur Mutter und
verdrängt dabei nicht selten ein gutes Stück seiner Sexualstrebungen überhaupt. Die Abwendung
von der Mutter erfolgt wohl nicht mit einem Schlag, denn das Mädchen hält seine Kastration
zuerst für ein individuelles Unglück, erst allmählich dehnt sie dieselbe auf andere weibliche
Wesen, endlich auch auf die Mutter aus. Ihre Liebe hatte der phallischen Mutter gegolten; mit der
Entdeckung, daß die Mutter kastriert ist, wird es möglich, sie als Liebesobjekt fallenzulassen, so
daß die lange angesammelten Motive zur Feindseligkeit die Oberhand gewinnen. Das heißt also,
daß durch die Entdeckung der Penislosigkeit das Weib dem Mädchen ebenso entwertet wird wie
dem Knaben und später vielleicht dem Manne.
Sie wissen alle, welche überragende ätiologische Bedeutung unsere Neurotiker ihrer Onanie
einräumen. Sie machen sie für alle ihre Beschwerden verantwortlich, und wir haben große Mühe,
sie glauben zu machen, daß sie im Irrtum sind. Aber eigentlich sollten wir ihnen zugestehen, daß
sie im Recht sind, denn die Onanie ist die Exekutive der kindlichen Sexualität, an deren
Fehlentwicklung sie allerdings leiden. Nun beschuldigen die Neurotiker meist die Onanie der
Pubertätszeit; die frühkindliche, auf die es in Wirklichkeit ankommt, haben sie meist vergessen.
Ich wollte, ich hätte einmal die Gelegenheit, Ihnen ausführlich darzulegen, wie wichtig alle
tatsächlichen Einzelheiten der frühen Onanie für die spätere Neurose oder den Charakter des
Einzelnen werden, ob sie entdeckt wurde oder nicht, wie die Eltern sie bekämpften oder zuließen,
ob es ihm selbst gelang, sie zu unterdrücken. Das alles hat unvergängliche Spuren in seiner
Entwicklung hinterlassen. Aber ich bin vielmehr froh, daß ich dies nicht zu tun brauche; es wäre
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin