Page - 341 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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eine schwere, langwierige Aufgabe, und am Ende würden Sie mich in Verlegenheit bringen, weil
Sie ganz gewiß praktische Ratschläge von mir forderten, wie man sich als Elternteil oder als
Erzieher gegen die Onanie der kleinen Kinder verhalten soll. In der Entwicklung der Mädchen,
die ich Ihnen vorführe, hören Sie nun ein Beispiel dafür, daß das Kind sich selbst um die
Befreiung von der Onanie bemüht. Aber es gelingt ihm nicht immer. Wo der Penisneid einen
starken Impuls gegen die klitoridische Onanie erweckt hat und diese doch nicht weichen will,
entspinnt sich ein heftiger Befreiungskampf, in dem das Mädchen gleichsam die Rolle der jetzt
abgesetzten Mutter selbst aufnimmt und seine ganze Unzufriedenheit mit der minderwertigen
Klitoris im Widerstreben gegen die Befriedigung an ihr zum Ausdruck bringt. Noch viele Jahre
später, wenn die onanistische Betätigung längst unterdrückt ist, setzt sich ein Interesse fort, das
wir als Abwehr einer noch immer gefürchteten Versuchung deuten müssen. Es äußert sich im
Auftauchen von Sympathie für Personen, denen man ähnliche Schwierigkeiten zumutet, es geht
als Motiv in die Eheschließung ein, ja es kann die Wahl des Ehe- oder Liebespartners bestimmen.
Die Erledigung der frühkindlichen Masturbation ist wahrlich keine leichte oder gleichgültige
Sache.
Mit dem Aufgeben der klitoridischen Masturbation wird auf ein Stück Aktivität verzichtet. Die
Passivität hat nun die Oberhand, die Wendung zum Vater wird vorwiegend mit Hilfe passiver
Triebregungen vollzogen. Sie erkennen, daß ein solcher Entwicklungschub, der die phallische
Aktivität aus dem Weg räumt, der Weiblichkeit den Boden ebnet. Wenn dabei nicht zuviel durch
Verdrängung verlorengeht, kann diese Weiblichkeit normal ausfallen. Der Wunsch, mit dem sich
das Mädchen an den Vater wendet, ist wohl ursprünglich der Wunsch nach dem Penis, den ihr die
Mutter versagt hat und den sie nun vom Vater erwartet. Die weibliche Situation ist aber erst
hergestellt, wenn sich der Wunsch nach dem Penis durch den nach dem Kind ersetzt, das Kind
also nach alter symbolischer Äquivalenz an die Stelle des Penis tritt. Es entgeht uns nicht, daß
sich das Mädchen schon früher, in der ungestörten phallischen Phase, ein Kind gewünscht hatte;
das war ja der Sinn ihres Spieles mit Puppen. Aber dies Spiel war nicht eigentlich der Ausdruck
ihrer Weiblichkeit, es diente der Mutteridentifizierung in der Absicht der Ersetzung der Passivität
durch Aktivität. Sie spielte die Mutter und die Puppe war sie selbst; nun konnte sie an dem Kind
all das tun, was die Mutter an ihr zu tun pflegte. Erst mit dem Einmünden des Peniswunsches
wird das Puppenkind ein Kind vom Vater und von da an das stärkste weibliche Wunschziel. Das
Glück ist groß, wenn dieser Kinderwunsch später einmal seine reale Erfüllung findet, ganz
besonders aber, wenn das Kind ein Knäblein ist, das den ersehnten Penis mitbringt. In der
Zusammenstellung »Ein Kind vom Vater« ruht der Akzent häufig genug auf dem Kind und läßt
den Vater unbetont. So schimmert der alte männliche Wunsch nach dem Besitz des Penis noch
durch die vollendete Weiblichkeit durch. Aber vielleicht sollten wir diesen Peniswunsch eher als
einen exquisit weiblichen anerkennen.
Mit der Übertragung des Kind-Penis-Wunsches auf den Vater ist das Mädchen in die Situation
des Ödipuskomplexes eingetreten. Die Feindseligkeit gegen die Mutter, die nicht erst neu
geschaffen zu werden brauchte, erfährt jetzt eine große Verstärkung, denn sie wird zur Rivalin,
die vom Vater all das erhält, was das Mädchen von ihm begehrt. Der Ödipuskomplex des
Mädchens hat uns lange den Einblick in dessen präödipale Mutterbindung verhüllt, die doch so
wichtig ist und so nachhaltige Fixierungen hinterläßt. Für das Mädchen ist die Ödipussituation
der Ausgang einer langen und schwierigen Entwicklung, eine Art vorläufiger Erledigung, eine
Ruheposition, die man nicht so bald verläßt, besonders da der Beginn der Latenzzeit nicht fern
ist. Und nun fällt uns im Verhältnis des Ödipuskomplexes zum Kastrationskomplex ein
Unterschied zwischen den Geschlechtern auf, der wahrscheinlich folgenschwer ist. Der
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin