Page - 342 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
Image of the Page - 342 -
Text of the Page - 342 -
Ödipuskomplex des Knaben, in dem er seine Mutter begehrt und seinen Vater als Rivalen
beseitigen möchte, entwickelt sich natürlich aus der Phase seiner phallischen Sexualität. Die
Kastrationsdrohung zwingt ihn aber, diese Einstellung aufzugeben. Unter dem Eindruck der
Gefahr, den Penis zu verlieren, wird der Ödipuskomplex verlassen, verdrängt, im normalsten
Falle gründlich zerstört, und als sein Erbe ein strenges Über-Ich eingesetzt. Was beim Mädchen
geschieht, ist beinahe das Gegenteil. Der Kastrationskomplex bereitet den Ödipuskomplex vor
anstatt ihn zu zerstören, durch den Einfluß des Penisneides wird das Mädchen aus der
Mutterbindung vertrieben und läuft in die Ödipussituation wie in einen Hafen ein. Mit dem
Wegfall der Kastrationsangst entfällt das Hauptmotiv, das den Knaben gedrängt hatte, den
Ödipuskomplex zu überwinden. Das Mädchen verbleibt in ihm unbestimmt lange, baut ihn nur
spät und dann unvollkommen ab. Die Bildung des Über-Ichs muß unter diesen Verhältnissen
leiden, es kann nicht die Stärke und die Unabhängigkeit erreichen, die ihm seine kulturelle
Bedeutung verleihen, und – Feministen hören es nicht gerne, wenn man auf die Auswirkungen
dieses Moments für den durchschnittlichen weiblichen Charakter hinweist.
Um nun zurückzugreifen: als die zweite der möglichen Reaktionen nach der Entdeckung der
weiblichen Kastration haben wir die Entwicklung eines starken Männlichkeitskomplexes
erwähnt. Damit ist gemeint, daß das Mädchen sich gleichsam weigert, die unliebsame Tatsache
anzuerkennen, in trotziger Auflehnung seine bisherige Männlichkeit noch übertreibt, an seiner
klitoridischen Betätigung festhält und seine Zuflucht zu einer Identifizierung mit der phallischen
Mutter oder dem Vater nimmt. Was kann für diesen Ausgang entscheidend sein? Wir können uns
nichts anderes vorstellen als einen konstitutionellen Faktor, ein größeres Ausmaß von Aktivität,
wie es sonst für das Männchen charakteristisch ist. Das Wesentliche des Vorganges ist doch, daß
an dieser Stelle der Entwicklung der Passivitätsschub vermieden wird, der die Wendung zur
Weiblichkeit eröffnet. Als die äußerste Leistung dieses Männlichkeitskomplexes erscheint uns
die Beeinflussung der Objektwahl im Sinne einer manifesten Homosexualität. Die analytische
Erfahrung lehrt uns zwar, daß die weibliche Homosexualität selten oder nie die infantile
Männlichkeit gradlinig fortsetzt. Es scheint dazuzugehören, daß auch solche Mädchen für eine
Weile den Vater zum Objekt nehmen und sich in die Ödipussituation begeben. Dann aber werden
sie durch die unausbleiblichen Enttäuschungen am Vater zur Regression auf ihren frühen
Männlichkeitskomplex gedrängt. Man darf die Bedeutung dieser Enttäuschungen nicht
überschätzen; sie bleiben auch dem zur Weiblichkeit bestimmten Mädchen nicht erspart, ohne
den gleichen Erfolg zu haben. Die Übermacht des konstitutionellen Moments scheint
unbestreitbar, aber die zwei Phasen in der Entwicklung der weiblichen Homosexualität spiegeln
sich sehr schön in den Praktiken der Homosexuellen, die ebensooft und ebenso deutlich Mutter
und Kind miteinander spielen wie Mann und Weib.
Was ich Ihnen da erzählt habe, ist sozusagen die Vorgeschichte des Weibes. Es ist eine
Erwerbung der allerletzten Jahre, mag Ihnen als Probe analytischer Kleinarbeit interessant
gewesen sein. Da die Frau selbst das Thema ist, gestatte ich mir, diesmal einige Frauen
namentlich zu erwähnen, denen diese Untersuchung wichtige Beiträge verdankt. Dr. Ruth Mack
Brunswick hat als die erste einen Fall von Neurose beschrieben, der auf eine Fixierung im
präödipalen Stadium zurückging und die Ödipussituation überhaupt nicht erreicht hatte. Er hatte
die Form einer Eifersuchtsparanoia und erwies sich der Therapie zugänglich. Dr. Jeanne
Lampl-de Groot hat die so unglaubwürdige phallische Aktivität des Mädchens gegen die Mutter
in gesicherten Beobachtungen festgestellt, Dr. Helene Deutsch gezeigt, daß die Liebesakte
homosexueller Frauen die Mutter-Kind-Beziehungen reproduzieren.
342
back to the
book Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)"
Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin