Page - 348 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Erwachsenen unbewußte Vorgänge.« »Ach, so meinen Sie das«, sagte er erleichtert und drückte
meine Hand. Wir plauderten noch einige Stunden im besten Einvernehmen. Ich hörte später, daß
er in dem kurzen Lebensrest, der ihm noch vergönnt war, sich wiederholt freundlich über die
Analyse äußerte und gerne das ihm neue Wort »Verdrängung« gebrauchte.
Ein bekannter Spruch mahnt, man soll von seinen Feinden lernen. Ich gestehe, daß mir dies nie
gelungen ist, aber ich dachte doch, es könnte für Sie lehrreich werden, wenn ich mit Ihnen eine
Musterung aller der Vorwürfe und Einwendungen vornähme, die die Gegner der Psychoanalyse
gegen sie erhoben haben, und dann auf die so leicht aufzudeckenden Ungerechtigkeiten und
Verstöße gegen die Logik hinwiese. Aber »on second thoughts« habe ich mir gesagt, das würde
gar nicht interessant, sondern ermüdend und peinlich werden und gerade das sein, was ich in all
diesen Jahren sorgfältig vermieden habe. Entschuldigen Sie mich also, wenn ich diesen Weg
nicht weiter verfolge und Sie mit den Urteilen unserer sogenannt wissenschaftlichen Gegner
verschone. Handelt es sich doch fast immer um Personen, deren einziger Befähigungsnachweis
die Unbefangenheit ist, die sie sich durch Fernhaltung von den Erfahrungen der Psychoanalyse
bewahrt haben. Aber ich weiß, so leichten Kaufs werden Sie mich nicht in anderen Fällen
entlassen. Sie werden mir vorhalten: Es gibt doch soviel Personen, für die Ihre letzte Bemerkung
nicht zutrifft. Diese sind der analytischen Erfahrung nicht ausgewichen, haben Patienten
analysiert, sind vielleicht selbst analysiert worden, waren sogar eine Zeitlang Ihre Mitarbeiter und
sind doch zu anderen Auffassungen und Theorien gekommen, auf Grund deren sie von Ihnen
abgefallen sind und selbständige Schulen der Psychoanalyse begründet haben. Über die
Möglichkeit und Bedeutung dieser in der Geschichte der Analyse so häufigen
Abfallsbewegungen sollten Sie uns Aufklärung geben.
Ja, ich will es versuchen; in Kürze zwar, denn es kommt dabei weniger für das Verständnis der
Analyse heraus, als Sie erwarten mögen. Ich weiß, Sie denken in erster Linie an die Adlersche
Individualpsychologie, die z. B. in Amerika als eine gleichberechtigte Nebenlinie unserer
Psychoanalyse betrachtet und regelmäßig mit ihr zusammen genannt wird. In Wirklichkeit hat sie
sehr wenig mit ihr zu tun, führt aber infolge gewisser historischer Umstände eine Art von
parasitärer Existenz auf ihre Kosten. Auf ihren Gründer treffen die Bedingungen, die wir für die
Gegner dieser Gruppe angenommen haben, nur in geringem Ausmaß zu. Der Name selbst ist
unpassend, scheint ein Produkt der Verlegenheit; wir können uns seine berechtigte Verwendung
als Gegensatz zu Massenpsychologie nicht stören lassen; auch was wir treiben ist zumeist und
vor allem Psychologie des menschlichen Individuums. In eine objektive Kritik der Adlerschen
Individualpsychologie werde ich heute nicht eingehen, sie liegt nicht im Plan dieser Einführung,
auch habe ich sie schon einmal versucht und habe wenig Anlaß, etwas an ihr zu ändern. Den
Eindruck, den sie hervorruft, will ich aber durch eine kleine Begebenheit in den Jahren vor der
Analyse illustrieren.
In der Nähe der mährischen Kleinstadt, in der ich geboren bin und die ich als Kind von drei
Jahren verlassen habe, befindet sich ein bescheidener Kurort, schön im Grünen gelegen. In den
Gymnasialjahren war ich mehrmals auf Ferien dort. Etwa zwei Jahrzehnte später wurde die
Erkrankung einer nahen Verwandten der Anlaß, diesen Ort wiederzusehen. In einer Unterhaltung
mit dem Kurarzt, der meiner Verwandten Beistand geleistet hatte, erkundigte ich mich auch nach
seinen Beziehungen zu den – ich glaube – slowakischen Bauern, die im Winter seine einzige
Klientel bildeten. Er erzählte, die ärztliche Tätigkeit spiele sich in folgender Weise ab: Zur
Stunde seiner Ordination kommen die Patienten in sein Zimmer und stellen sich in einer Reihe
auf. Einer nach dem anderen tritt dann hervor und klagt über seine Beschwerden. Er hat
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin