Page - 350 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Über andere Schulen, die von unserer Psychoanalyse abgezweigt haben, brauche ich nicht viel zu
sagen. Daß es geschehen ist, läßt sich weder für noch gegen den Wahrheitsgehalt der
Psychoanalyse verwerten. Denken Sie an die starken affektiven Momente, die es vielen
schwermachen, sich einzuordnen oder unterzuordnen, und an die noch größere Schwierigkeit, die
der Spruch quot capita tot sensus mit Recht betont. Wenn die Meinungsverschiedenheiten ein
gewisses Maß überschritten hatten, wurde es das Zweckmäßigste, sich zu trennen und von da an
verschiedene Wege zu gehen, besonders wenn die theoretische Differenz eine Änderung des
praktischen Handelns zur Folge hatte. Nehmen Sie z. B. an, daß ein Analytiker den Einfluß der
persönlichen Vergangenheit geringschätzt und die Verursachung der Neurosen ausschließlich in
gegenwärtigen Motiven und auf die Zukunft gerichteten Erwartungen sucht. Dann wird er auch
die Analyse der Kindheit vernachlässigen, überhaupt eine andere Technik einschlagen und den
Ausfall der Ergebnisse aus der Kindheitsanalyse durch Steigerung seines lehrhaften Einflusses
und durch direkte Hinweise auf bestimmte Lebensziele wettmachen müssen. Wir anderen werden
dann sagen: Das mag eine Schule der Weisheit sein, ist aber keine Analyse mehr. Oder ein
anderer mag zur Einsicht gekommen sein, daß das Angsterlebnis der Geburt den Keim zu allen
späteren neurotischen Störungen legt; dann mag es ihm rechtmäßig erscheinen, die Analyse auf
die Wirkungen dieses einen Eindrucks einzuschränken und therapeutischen Erfolg von einer drei-
bis viermonatigen Behandlung zu versprechen. Sie merken, ich habe zwei Beispiele gewählt, die
von diametral entgegengesetzten Voraussetzungen ausgehen. Es ist ein fast allgemeiner
Charakter dieser »Abfallsbewegungen«, daß eine jede sich eines Stücks aus dem
Motivenreichtum der Psychoanalyse bemächtigt und sich auf Grund dieser Besitzergreifung
selbständig macht, etwa des Machttriebs, des ethischen Konflikts, der Mutter, der Genitalität usw.
Wenn es Ihnen scheint, daß solche Sezessionen in der Geschichte der Psychoanalyse heute schon
häufiger sind als bei anderen geistigen Bewegungen, so weiß ich nicht, ob ich Ihnen recht geben
soll. Wenn es so ist, so muß man die innigen Beziehungen zwischen theoretischen Ansichten und
therapeutischem Handeln dafür verantwortlich machen, die in der Psychoanalyse bestehen.
Meinungsverschiedenheiten allein würden weit länger ertragen werden. Man liebt es, uns
Psychoanalytikern Intoleranz vorzuwerfen. Die einzige Äußerung dieser häßlichen Eigenschaft
war eben die Trennung von den Andersdenkenden. Sonst wurde ihnen nichts angetan; im
Gegenteile, sie sind auf die Butterseite gefallen, haben es seither besser als vorhin, denn bei
ihrem Ausscheiden haben sie sich gewöhnlich von einer der Belastungen frei gemacht, unter
denen wir keuchen – vom Odium der kindlichen Sexualität etwa oder von der Lächerlichkeit der
Symbolik –, und gelten jetzt der Umwelt als halbwegs ehrlich, was wir, die Zurückgebliebenen,
noch immer nicht sind. Auch haben sie sich – bis auf eine bemerkenswerte Ausnahme – selbst
ausgeschlossen.
Was für Ansprüche erheben Sie noch im Namen der Toleranz? Daß, wenn jemand eine Meinung
geäußert hat, die wir für grundfalsch halten, wir ihm sagen: »Danke Ihnen schön, daß Sie diesen
Widerspruch geäußert haben. Sie schützen uns gegen die Gefahr der Selbstgefälligkeit und geben
uns Gelegenheit, den Amerikanern zu beweisen, daß wir wirklich so >broadminded< sind, wie
sie es immer wünschen. Wir glauben zwar kein Wort von dem, was Sie sagen, aber das macht
nichts. Wahrscheinlich haben Sie ebenso recht wie wir. Wer kann denn überhaupt wissen, wer
recht hat? Erlauben Sie uns, daß wir trotz der Gegnerschaft Ihre Ansicht in der Literatur
vertreten. Wir hoffen, Sie werden die Liebenswürdigkeit haben, sich dafür für unsere
einzusetzen, die Sie verwerfen.« Dies wird offenbar in der Zukunft die Gepflogenheit im
wissenschaftlichen Betrieb werden, wenn sich der Mißbrauch der Einsteinschen Relativität
vollends durchgesetzt hat. Es ist wahr, vorläufig haben wir es noch nicht so weit gebracht. Wir
beschränken uns nach alter Manier darauf, nur unsere eigenen Überzeugungen zu vertreten,
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin