Page - 352 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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leicht zu übersehen. Wenn wir in der Behandlung eines erwachsenen Neurotikers der
Determinierung seiner Symptome nachspürten, wurden wir regelmäßig bis in seine frühe
Kindheit zurückgeleitet. Die Kenntnis der späteren Ätiologien reichte weder für das Verständnis
noch für die therapeutische Wirkung aus. So wurden wir genötigt, uns mit den psychischen
Besonderheiten des Kindesalters bekanntzumachen, und erfuhren eine Menge von Dingen, die
anders als durch Analyse nicht zu erfahren waren, konnten auch viele allgemein geglaubte
Meinungen über die Kindheit richtigstellen. Wir erkannten, daß den ersten Kinderjahren (etwa
bis fünf) aus mehreren Gründen eine besondere Bedeutung zukommt. Erstens, weil sie die
Frühblüte der Sexualität enthalten, die für das Sexualleben der Reifezeit entscheidende
Anregungen hinterläßt. Zweitens, weil die Eindrücke dieser Zeit auf ein unfertiges und
schwaches Ich treffen, auf das sie wie Traumen wirken. Das Ich kann sich der Affektstürme, die
sie hervorrufen, nicht anders als durch Verdrängung erwehren und erwirbt solcherart im
Kindesalter alle Dispositionen zu späteren Erkrankungen und Funktionsstörungen. Wir haben
verstanden, die Schwierigkeit der Kindheit liegt darin, daß das Kind in einer kurzen Spanne Zeit
sich die Resultate einer Kulturentwicklung aneignen soll, die sich über Jahrtausende erstreckt,
Triebbeherrschung und soziale Anpassung, wenigstens die ersten Stücke von beiden. Nur einen
Teil dieser Veränderung kann es durch seine eigene Entwicklung erreichen, vieles muß ihm von
der Erziehung aufgedrängt werden. Wir verwundern uns nicht, wenn das Kind diese Aufgabe oft
nur unvollkommen bewältigt. Viele Kinder machen in diesen frühen Zeiten Zustände durch, die
man den Neurosen gleichstellen darf, gewiß alle, die späterhin manifest erkranken. Bei manchen
Kindern wartet die neurotische Erkrankung nicht die Zeit der Reife ab, sie bricht schon in der
Kinderzeit aus und macht Eltern und Ärzten zu schaffen.
Wir haben kein Bedenken getragen, die analytische Therapie bei solchen Kindern anzuwenden,
die entweder unzweideutige neurotische Symptome zeigen oder auf dem Weg zu einer
ungünstigen Charakterentwicklung waren. Die Besorgnis, dem Kind durch die Analyse zu
schaden, der Gegner der Analyse Ausdruck gegeben haben, erwies sich als unbegründet. Unser
Gewinn bei diesen Unternehmungen war, daß wir am lebenden Objekt bestätigen konnten, was
wir beim Erwachsenen sozusagen aus historischen Dokumenten erschlossen hatten. Aber auch
der Gewinn für die Kinder war sehr erfreulich. Es ergab sich, daß das Kind ein sehr günstiges
Objekt für die analytische Therapie ist; die Erfolge sind gründliche und halten an. Natürlich muß
man die für Erwachsene ausgearbeitete Technik der Behandlung für das Kind weitgehend
abändern. Das Kind ist psychologisch ein anderes Objekt als der Erwachsene, es besitzt noch
kein Über-Ich, die Methode der freien Assoziation trägt nicht weit, die Übertragung spielt, da die
realen Eltern noch vorhanden sind, eine andere Rolle. Die inneren Widerstände, die wir beim
Erwachsenen bekämpfen, sind beim Kind zumeist durch äußere Schwierigkeiten ersetzt. Wenn
sich die Eltern zu Trägern des Widerstandes machen, wird oft das Ziel der Analyse oder diese
selbst gefährdet, daher ist es oft notwendig, mit der Analyse des Kindes ein Stück analytischer
Beeinflussung der Eltern zu verbinden. Anderseits werden die unvermeidlichen Abweichungen
der Kinderanalyse von der Erwachsener durch den Umstand verringert, daß manche unserer
Patienten so viel infantile Charakterzüge bewahrt haben, daß der Analytiker, wiederum in
Anpassung an das Objekt, nicht umhin kann, sich bei ihnen gewisser Techniken der
Kinderanalyse zu bedienen. Es hat sich von selbst ergeben, daß die Kinderanalyse die Domäne
weiblicher Analytiker geworden ist, und dabei wird es wohl bleiben.
Die Einsicht, daß die meisten unserer Kinder in ihrer Entwicklung eine neurotische Phase
durchmachen, trägt den Keim einer hygienischen Forderung in sich. Man kann die Frage
aufwerfen, ob es nicht zweckmäßig wäre, dem Kind mit einer Analyse zu Hilfe zu kommen, auch
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin