Page - 354 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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gewiß mit Recht – gesagt worden, jede Erziehung sei eine parteiisch gerichtete, strebe an, daß
sich das Kind der bestehenden Gesellschaftsordnung einordne, ohne Rücksicht darauf, wie
wertvoll oder wie haltbar diese an sich sei. Wenn man von den Mängeln unserer gegenwärtigen
sozialen Einrichtungen überzeugt ist, kann man es nicht rechtfertigen, die psychoanalytisch
gerichtete Erziehung noch in ihren Dienst zu stellen. Man muß ihr ein anderes, höheres Ziel
setzen, das sich von den herrschenden sozialen Anforderungen frei gemacht hat. Ich meine aber,
dies Argument ist hier nicht am Platz. Die Forderung geht über die Funktionsberechtigung der
Analyse hinaus. Auch der Arzt, der zur Behandlung einer Pneumonie gerufen wird, hat sich nicht
darum zu kümmern, ob der Erkrankte ein braver Mann, ein Selbstmörder oder ein Verbrecher ist,
ob er verdient am Leben zu bleiben und ob man es ihm wünschen soll. Auch dies andere Ziel, das
man der Erziehung setzen will, wird ein parteiisches sein, und es ist nicht Sache des Analytikers,
zwischen den Parteien zu entscheiden. Ich sehe ganz ab davon, daß man der Psychoanalyse jeden
Einfluß auf die Erziehung verweigern wird, wenn sie sich zu Absichten bekennt, die mit der
bestehenden sozialen Ordnung unvereinbar sind. Die psychoanalytische Erziehung nimmt eine
ungebetene Verantwortung auf sich, wenn sie sich vorsetzt, ihren Zögling zum Aufrührer zu
modeln. Sie hat das ihrige getan, wenn sie ihn möglichst gesund und leistungsfähig entläßt. In ihr
selbst sind genug revolutionäre Momente enthalten, um zu versichern, daß der von ihr Erzogene
im späteren Leben sich nicht auf die Seite des Rückschritts und der Unterdrückung stellen wird.
Ich meine sogar, revolutionäre Kinder sind in keiner Hinsicht wünschenswert.
Meine Damen und Herren! Ich habe noch vor, Ihnen einige Worte über die Psychoanalyse als
Therapie zu sagen. Das Theoretische darüber habe ich schon vor 15 Jahren besprochen und kann
es heute auch nicht anders formulieren; die Erfahrung dieser Zwischenzeit soll nun auch zu
Worte kommen. Sie wissen, die Psychoanalyse ist als Therapie entstanden, sie ist weit darüber
hinausgewachsen, hat aber ihren Mutterboden nicht aufgegeben und ist für ihre Vertiefung und
Weiterentwicklung immer noch an den Umgang mit Kranken gebunden. Die gehäuften
Eindrücke, aus denen wir unsere Theorien entwickeln, können auf andere Weise nicht gewonnen
werden. Die Mißerfolge, die wir als Therapeuten erfahren, stellen uns immer wieder neue
Aufgaben, die Anforderungen des realen Lebens sind ein wirksamer Schutz gegen das
Überwuchern der Spekulation, die wir in unserer Arbeit doch auch nicht entbehren können. Mit
welchen Mitteln die Psychoanalyse den Kranken hilft, wenn sie hilft, und auf welchen Wegen,
das haben wir schon vor Zeiten erörtert; heute wollen wir fragen, wieviel sie leistet.
Sie wissen vielleicht, ich war nie ein therapeutischer Enthusiast; es ist keine Gefahr, daß ich
diesen Vortrag zu Anpreisungen mißbrauche. Ich sage lieber zu wenig als zu viel. Zur Zeit, als
ich noch der einzige Analytiker war, pflegte ich von Personen, die meiner Sache angeblich
freundlich gesinnt waren, zu hören: Das ist alles recht schön und geistreich, aber zeigen Sie mir
einen Fall, den Sie durch Analyse geheilt haben. Das war eine der vielen Formeln, die einander
im Lauf der Zeiten in der Funktion abgelöst haben, die unbequeme Neuheit beiseite zu schieben.
Sie ist heute ebenso veraltet wie viele andere – der Stoß von Dankbriefen geheilter Patienten
findet sich auch in der Mappe des Analytikers. Dabei macht die Analogie nicht halt. Die
Psychoanalyse ist wirklich eine Therapie wie andere auch. Sie hat ihre Triumphe wie ihre
Niederlagen, ihre Schwierigkeiten, Einschränkungen, Indikationen. Zu einer gewissen Zeit
lautete eine Anklage gegen die Analyse, sie sei als Therapie nicht ernst zu nehmen, denn sie
getraue sich nicht, eine Statistik ihrer Erfolge bekanntzugeben. Seither hat das von Dr. Max
Eitingon gegründete psychoanalytische Institut in Berlin einen Rechenschaftsbericht über sein
erstes Jahrzehnt veröffentlicht. Die Heilerfolge geben weder einen Grund, damit zu prahlen, noch
sich ihrer zu schämen. Aber solche Statistiken sind überhaupt nicht lehrreich, das verarbeitete
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin