Page - 356 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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gehören. Beim Erwachsenen sind es in erster Linie zwei Momente, das Maß von psychischer
Erstarrung und die Krankheitsform mit allem, was sie an tieferen Bestimmungen deckt. Das erste
Moment wird mit Unrecht oft übersehen. So groß die Plastizität des seelischen Lebens und die
Möglichkeit der Auffrischung alter Zustände auch ist, es läßt sich nicht alles wieder beleben.
Manche Veränderungen scheinen endgültig, entsprechen Narbenbildungen nach abgelaufenen
Prozessen. Andere Male empfängt man den Eindruck einer allgemeinen Erstarrung des
Seelenlebens; die psychischen Vorgänge, die man sehr wohl auf andere Wege weisen könnte,
scheinen unfähig, die alten Wege zu verlassen. Aber vielleicht ist das dasselbe wie vorhin, nur
anders gesehen. Gar zu häufig glaubt man zu verspüren, daß es der Therapie nur an der
erforderlichen Triebkraft fehlt, um die Änderung durchzusetzen. Eine bestimmte Abhängigkeit,
eine gewisse Triebkomponente ist zu stark im Vergleich mit den Gegenkräften, die wir mobil
machen können. Ganz allgemein ist es so bei den Psychosen. Wir verstehen sie so weit, daß wir
wohl wüßten, wo die Hebel anzusetzen wären, aber sie könnten die Last nicht bewegen. Hier
knüpft sogar die Zukunftshoffnung an, daß die Kenntnis der Hormonwirkungen – Sie wissen, was
das ist – uns die Mittel leiht, mit den quantitativen Faktoren der Erkrankungen erfolgreich zu
ringen, aber heute sind wir davon weit entfernt. Ich verstehe, daß die Unsicherheit in all diesen
Verhältnissen einen ständigen Antrieb gibt, die Technik der Analyse und besonders der
Übertragung zu vervollkommnen. Besonders der Anfänger in der Analyse wird bei einem
Mißerfolg im Zweifel bleiben, ob er die Eigenheiten des Falles oder seine ungeschickte
Handhabung des therapeutischen Verfahrens beschuldigen soll. Aber ich sagte schon, ich glaube
nicht, daß man durch die Bemühungen nach dieser Richtung viel erreichen kann.
Die andere Einschränkung der analytischen Erfolge wird durch die Krankheitsform gegeben. Sie
wissen schon, das Anwendungsgebiet der analytischen Therapie sind die Übertragungsneurosen,
Phobien, Hysterien, Zwangsneurosen, außerdem noch Abnormitäten des Charakters, die an Stelle
solcher Erkrankungen entwickelt worden sind. Alles, was anders ist, narzißtische, psychotische
Zustände, ist mehr oder weniger ungeeignet. Nun wäre es ja durchaus legitim, sich durch
sorgfältige Ausschließung solcher Fälle vor Mißerfolgen zu schützen. Die Statistiken der Analyse
würden durch diese Vorsicht eine große Aufbesserung erfahren. Ja, aber das hat einen Haken.
Unsere Diagnosen erfolgen sehr häufig erst nachträglich, sie sind von der Art wie die
Hexenprobe des Schottenkönigs, von der ich bei Victor Hugo gelesen habe. Dieser König
behauptete, im Besitz einer unfehlbaren Methode zu sein, um eine Hexe zu erkennen. Er ließ sie
in einem Kessel kochenden Wassers abbrühen und kostete dann die Suppe. Danach konnte er
sagen: das war eine Hexe, oder: nein, das war keine. Ähnlich ist es bei uns, nur daß wir die
Geschädigten sind. Wir können den Patienten, der zur Behandlung, oder ebenso den Kandidaten,
der zur Ausbildung kommt, nicht beurteilen, ehe wir ihn durch einige Wochen oder Monate
analytisch studiert haben. Wir kaufen tatsächlich die Katze im Sack. Der Patient brachte
unbestimmte, allgemeine Beschwerden mit, die eine sichere Diagnose nicht gestatteten. Nach
dieser Probezeit mag sich herausstellen, daß es ein ungeeigneter Fall ist. Wir schicken dann den
Kandidaten weg, versuchen dann beim Patienten noch eine Weile, ob wir ihn nicht in
günstigerem Licht sehen können. Der Patient rächt sich dadurch, daß er die Liste unserer
Mißerfolge vergrößert, der abgewiesene Kandidat, wenn er ein Paranoider ist, etwa indem er
selbst psychoanalytische Bücher verfaßt. Sie sehen, unsere Vorsicht hat uns nichts genützt.
Ich besorge, diese detaillierten Ausführungen gehen über Ihr Interesse hinaus. Aber noch mehr
müßte es mir leid tun, wenn Sie meinen sollten, es sei meine Absicht, Ihre Achtung vor der
Psychoanalyse als Therapie herabzusetzen. Vielleicht habe ich es wirklich ungeschickt
angefangen; ich wollte nämlich das Gegenteil, die therapeutischen Beschränkungen der Analyse
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin