Page - 360 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Aber die Philosophie hat keinen unmittelbaren Einfluß auf die große Menge von Menschen, sie
ist das Interesse einer geringen Anzahl selbst von der dünnen Oberschicht der Intellektuellen, für
alle anderen kaum faßbar. Dahingegen ist die Religion eine ungeheure Macht, die über die
stärksten Emotionen der Menschen verfügt. Es ist bekannt, daß sie früher einmal alles umfaßte,
was als Geistigkeit im Menschenleben eine Rolle spielt, daß sie die Stelle der Wissenschaft
einnahm, als es noch kaum eine Wissenschaft gab, und daß sie eine Weltanschauung von
unvergleichlicher Folgerichtigkeit und Geschlossenheit geschaffen hat, die, wiewohl erschüttert,
heute noch fortbesteht.
Will man sich vom großartigen Wesen der Religion Rechenschaft geben, so muß man sich
vorhalten, was sie den Menschen zu leisten unternimmt. Sie gibt ihnen Aufschluß über Herkunft
und Entstehung der Welt, sie versichert ihnen Schutz und endliches Glück in den Wechselfällen
des Lebens, und sie lenkt ihre Gesinnungen und Handlungen durch Vorschriften, die sie mit ihrer
ganzen Autorität vertritt. Sie erfüllt also drei Funktionen. In der ersten befriedigt sie die
menschliche Wißbegierde, tut dasselbe, was mit ihren Mitteln die Wissenschaft versucht, und tritt
hier in Rivalität mit ihr. Ihrer zweiten Funktion verdankt sie wohl den größten Anteil ihres
Einflusses. Wenn sie die Angst der Menschen vor den Gefahren und Wechselfällen des Lebens
beschwichtigt, sie des guten Ausganges versichert, ihnen Trost im Unglück spendet, kann die
Wissenschaft es nicht mit ihr aufnehmen. Diese lehrt zwar, wie man gewisse Gefahren
vermeiden, manche Leiden erfolgreich bekämpfen kann; es wäre sehr unrecht zu bestreiten, daß
sie den Menschen eine mächtige Helferin ist, aber in vielen Lagen muß sie den Menschen seinem
Leid überlassen und weiß ihm nur zur Unterwerfung zu raten. In ihrer dritten Funktion, wenn sie
Vorschriften gibt, Verbote und Einschränkungen erläßt, entfernt sie sich von der Wissenschaft
am meisten. Denn diese begnügt sich damit, zu untersuchen und festzustellen. Aus ihren
Anwendungen leiten sich allerdings Regeln und Ratschläge für das Verhalten im Leben ab. Unter
Umständen sind es dieselben, die von der Religion geboten werden, aber dann mit anderer
Begründung.
Das Zusammentreffen dieser drei Inhalte der Religion ist nicht ganz durchsichtig. Was soll die
Aufklärung über die Entstehung der Welt mit der Einschärfung bestimmter ethischer Vorschriften
zu tun haben? Die Zusicherungen von Schutz und Beglückung sind mit den ethischen
Anforderungen inniger verknüpft. Sie sind der Lohn für die Erfüllung dieser Gebote; nur wer sich
ihnen fügt, darf auf diese Wohltaten rechnen, auf den Ungehorsamen warten Strafen. Übrigens
gibt es bei der Wissenschaft etwas Ähnliches. Wer ihre Anwendungen mißachtet, meint sie, setzt
sich Schädigungen aus.
Man versteht das merkwürdige Zusammensein von Belehrung, Tröstung und Anforderung in der
Religion erst, wenn man diese einer genetischen Analyse unterzieht. Diese darf von dem
auffälligsten Punkt des Ensembles, von der Belehrung über die Weltentstehung ausgehen, denn
warum sollte eine Kosmogonie ein regelmäßiger Bestandteil des religiösen Systems sein? Die
Lehre ist also, daß die Welt von einem menschenähnlichen, aber in allen Stücken, Macht,
Weisheit, Stärke der Leidenschaft vergrößerten Wesen, einem idealisierten Übermenschen
geschaffen wurde. Tiere als Weltschöpfer weisen auf den Einfluß des Totemismus hin, den wir
später wenigstens mit einer Bemerkung streifen werden. Es ist interessant, daß dieser
Weltschöpfer immer nur einer ist, auch wo an viele Götter geglaubt wird. Ebenso, daß es zumeist
ein Mann ist, obwohl es keineswegs an Andeutungen weiblicher Gottheiten fehlt und manche
Mythologien die Weltschöpfung gerade damit beginnen lassen, daß ein Manngott eine weibliche
Gottheit, die zum Ungeheuer erniedrigt ist, beseitigt. Die interessantesten Einzelprobleme
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin