Page - 361 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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schließen hier an, aber wir müssen eilen. Der weitere Weg ist uns leicht kenntlich gemacht,
indem dieser Gott-Schöpfer direkt Vater geheißen wird. Die Psychoanalyse schließt, es ist
wirklich der Vater, so großartig, wie er einmal dem kleinen Kind erschienen war. Der religiöse
Mensch stellt sich die Schöpfung der Welt so vor wie seine eigene Entstehung.
Dann erklärt sich leicht, wie die tröstlichen Versicherungen und die strengen ethischen
Forderungen mit der Kosmogonie zusammenkommen. Denn dieselbe Person, der das Kind seine
Existenz verdankt, der Vater (richtiger wohl, die aus Vater und Mutter zusammengesetzte
Elterninstanz), hat auch das schwache, hilflose, allen in der Außenwelt lauernden Gefahren
ausgesetzte Kind beschützt und bewacht; in seiner Obhut hat es sich sicher gefühlt. Selbst
erwachsen geworden, weiß sich der Mensch zwar im Besitz größerer Kräfte, aber auch seine
Einsicht in die Gefahren des Lebens hat zugenommen, und er schließt mit Recht, daß er im
Grunde noch ebenso hilflos und ungeschützt geblieben ist wie in der Kindheit, daß er der Welt
gegenüber noch immer Kind ist. Er mag also auch jetzt nicht auf den Schutz verzichten, den er
als Kind genossen hat. Längst hat er aber auch erkannt, daß sein Vater ein in seiner Macht eng
beschränktes, nicht mit allen Vorzügen ausgestattetes Wesen ist. Darum greift er auf das
Erinnerungsbild des von ihm so überschätzten Vaters der Kinderzeit zurück, erhebt es zur
Gottheit und rückt es in die Gegenwart und in die Realität. Die affektive Stärke dieses
Erinnerungsbildes und die Fortdauer seiner Schutzbedürftigkeit tragen miteinander seinen
Glauben an Gott.
Auch der dritte Hauptpunkt des religiösen Programms, die ethische Forderung, fügt sich
ungezwungen in diese Kindheitssituation ein. Ich erinnere Sie an den berühmten Ausspruch
Kants, der den gestirnten Himmel und das Sittengesetz in unserer Brust in einem Atem nennt. So
befremdend diese Zusammenstellung klingt, – denn was mögen die Himmelskörper mit der Frage
zu tun haben, ob ein Menschenkind ein anderes liebt oder totschlägt? – so streift sie doch an eine
große psychologische Wahrheit. Derselbe Vater (die Elterninstanz), der dem Kind das Leben
gegeben und es vor den Gefahren desselben behütet hat, belehrte es auch, was es tun darf und
was es unterlassen soll, wies es an, sich bestimmte Einschränkungen seiner Triebwünsche
gefallen zu lassen, ließ es wissen, welche Rücksichten auf Eltern und Geschwister von ihm
erwartet werden, wenn es ein geduldetes und gern gesehenes Mitglied des Familienkreises und
später größerer Verbände werden will. Durch ein System von Liebesprämien und Strafen wird
das Kind zur Kenntnis seiner sozialen Pflichten erzogen, wird es belehrt, daß seine
Lebenssicherheit davon abhängt, daß die Eltern und dann auch die Anderen es lieben und an
seine Liebe zu ihnen glauben können. Alle diese Verhältnisse trägt dann der Mensch unverändert
in die Religion ein. Die Verbote und Forderungen der Eltern leben als sittliches Gewissen in
seiner Brust weiter; mit Hilfe desselben Systems von Lohn und Strafe regiert Gott die
Menschenwelt, von der Erfüllung der ethischen Forderungen hängt es ab, welches Maß von
Schutz und Glücksbefriedigung dem Einzelnen zugewiesen wird; in der Liebe zu Gott und im
Bewußtsein, von ihm geliebt zu werden, ist die Sicherheit begründet, mit der man sich gegen die
Gefahren der Außenwelt wie der menschlichen Mitwelt wappnet. Endlich hat man sich im Gebet
einen direkten Einfluß auf den göttlichen Willen und damit einen Anteil an der göttlichen
Allmacht gesichert.
Ich weiß, während Sie mir zuhörten, haben sich Ihnen zahlreiche Fragestellungen aufgedrängt,
auf die Sie gerne die Antwort hören möchten. Ich kann es hier und heute nicht unternehmen, aber
ich bin zuversichtlich, daß keine dieser Detailuntersuchungen unseren Satz erschüttern würde, die
religiöse Weltanschauung sei durch die Situation unserer Kindheit determiniert. Umso
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin