Page - 362 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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merkwürdiger dann, daß sie trotz ihres infantilen Charakters doch einen Vorläufer hat. Es gab
ohne Zweifel eine Zeit ohne Religion, ohne Götter. Man heißt sie den Animismus. Die Welt war
auch damals voll von menschenähnlichen geistigen Wesen, Dämonen nennen wir sie, alle
Objekte der Außenwelt waren der Sitz von ihnen oder vielleicht identisch mit ihnen, aber es gab
keine Übermacht, die sie alle erschaffen hatte und auch weiter beherrschte und an die man sich
um Schutz und Abhilfe wenden konnte. Die Dämonen des Animismus waren dem Menschen
zumeist feindlich gesinnt, aber es scheint, daß der Mensch sich damals mehr zutraute als später.
Er litt gewiß beständig unter schwerster Angst vor diesen bösen Geistern, aber er erwehrte sich
ihrer durch bestimmte Handlungen, denen er die Kraft zuschrieb, sie zu verjagen. Auch hielt er
sich sonst nicht für machtlos. Wenn er an die Natur einen Wunsch zu stellen hatte, z. B. Regen
wollte, so richtete er nicht ein Gebet an den Wettergott, sondern er übte einen Zauber, von dem er
eine direkte Beeinflussung der Natur erwartete, machte selbst etwas dem Regen ähnliches. Im
Kampf gegen die Mächte der Umwelt war seine erste Waffe die Magie, die erste Vorläuferin
unserer heutigen Technik. Wir nehmen an, daß das Vertrauen in die Magie sich von der
Überschätzung der eigenen intellektuellen Operationen ableitet, von dem Glauben an die
»Allmacht der Gedanken«, den wir übrigens bei unseren Zwangsneurotikern wiederfinden. Wir
könnten uns vorstellen, daß die Menschen jener Zeit besonders stolz auf ihre Erwerbungen in der
Sprache waren, mit denen eine große Erleichterung des Denkens einhergehen mußte. Sie
verliehen dem Wort Zauberkraft. Dieser Zug wurde später von der Religion übernommen. »Und
Gott sprach: es werde Licht, und es ward Licht.« Übrigens zeigt die Tatsache der magischen
Handlungen, daß der animistische Mensch sich nicht einfach auf die Kraft seiner Wünsche
verließ. Er erwartete den Erfolg vielmehr von der Ausführung eines Aktes, der die Natur zur
Nachahmung veranlassen sollte. Wenn er Regen wollte, schüttete er selbst Wasser aus; wenn er
den Boden zur Fruchtbarkeit anregen wollte, gab er ihm das Schauspiel eines
Geschlechtsverkehrs auf dem Felde.
Sie wissen, wie schwer etwas untergeht, was sich einmal psychischen Ausdruck verschafft hat.
Sie werden also nicht überrascht sein zu hören, daß viele Äußerungen des Animismus sich bis auf
den heutigen Tag erhalten haben, meist als sogenannter Aberglaube, neben und hinter der
Religion. Aber mehr noch, Sie werden das Urteil kaum abweisen können, daß unsere Philosophie
wesentliche Züge der animistischen Denkweise bewahrt hat, die Überschätzung des Wortzaubers,
den Glauben, daß die realen Vorgänge in der Welt die Wege gehen, die unser Denken ihnen
anweisen will. Es wäre freilich ein Animismus ohne magische Handlungen. Anderseits dürfen
wir erwarten, daß es schon in jenem Zeitalter irgendeine Art von Ethik gegeben hat, Vorschriften
für den Verkehr der Menschen untereinander, aber nichts spricht dafür, daß sie inniger an den
animistischen Glauben geknüpft waren. Wahrscheinlich waren sie der unmittelbare Ausdruck der
Machtverhältnisse und praktischen Bedürfnisse.
Was den Übergang vom Animismus zur Religion erzwungen hat, wäre sehr wissenswert, aber Sie
können sich vorstellen, welches Dunkel heute noch diese Urzeiten der Entwicklungsgeschichte
des Menschengeistes verhüllt. Es scheint Tatsache, daß die erste Erscheinungsform der Religion
der merkwürdige Totemismus war, die Tierverehrung, in dessen Gefolge auch die ersten
ethischen Gebote, die Tabus, auftraten. Ich habe seinerzeit in einem Buche Totem und Tabu eine
Vermutung ausgearbeitet, die diese Wandlung auf einen Umsturz in den Verhältnissen der
menschlichen Familie zurückführt. Die Hauptleistung der Religion im Vergleich zum Animismus
liegt in der psychischen Bindung der Dämonenangst. Doch hat sich als Überlebsel der Vorzeit der
böse Geist eine Stelle im System der Religion gewahrt.
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin