Page - 365 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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principii, ein begging the question, ich weiß keinen guten Ausdruck dafür im Deutschen. Es wird
eben in Frage gestellt, ob es einen göttlichen Geist und seine Offenbarung gibt, und da ist es
sicherlich keine Entscheidung, wenn gesagt wird, das könne man nicht fragen, denn die Gottheit
darf nicht in Frage gestellt werden. Es ist hier wie gelegentlich in der analytischen Arbeit. Wenn
ein sonst verständiger Patient eine bestimmte Zumutung mit einer besonders dummen
Begründung zurückweist, so verbürgt diese logische Schwäche die Existenz eines besonders
starken Motivs zum Widerspruch, das nur affektiver Natur, eine Gefühlsbindung sein kann.
Man kann auch eine andere Antwort erhalten, in der ein solches Motiv offen eingestanden wird.
Die Religion darf nicht kritisch geprüft werden, weil sie das Höchste, Wertvollste, Erhabenste ist,
was der menschliche Geist hervorgebracht hat, weil sie den tiefsten Gefühlen Ausdruck gibt,
allein die Welt erträglich und das Leben menschenwürdig macht. Darauf braucht man nicht zu
antworten, indem man die Einschätzung der Religion bestreitet, sondern indem man die
Aufmerksamkeit auf einen anderen Sachverhalt richtet. Man betont, daß es sich gar nicht um
einen Übergriff des wissenschaftlichen Geistes auf das Gebiet der Religion handelt, sondern im
Gegenteil um einen Übergriff der Religion auf die Sphäre des wissenschaftlichen Denkens. Was
immer Wert und Bedeutung der Religion sein mögen, sie hat kein Recht, das Denken irgendwie
zu beschränken, also auch nicht das Recht, sich selbst von der Anwendung des Denkens
auszunehmen.
Das wissenschaftliche Denken ist in seinem Wesen nicht verschieden von der normalen
Denktätigkeit, die wir alle, Gläubige wie Ungläubige, bei der Besorgung unserer
Angelegenheiten im Leben verwenden. Es hat sich nur in einigen Zügen besonders gestaltet, es
interessiert sich auch für Dinge, die keinen unmittelbaren, greifbaren Nutzen haben, es bemüht
sich, individuelle Faktoren und affektive Beeinflussungen sorgfältig fernzuhalten, prüft die
Sinneswahrnehmungen, auf die es seine Schlüsse baut, strenger auf ihre Zuverlässigkeit, schafft
sich neue Wahrnehmungen, die mit den Mitteln des Alltags nicht zu erreichen sind, und isoliert
die Bedingungen dieser Neuerfahrungen in absichtlich variierten Versuchen. Sein Bestreben ist,
die Übereinstimmung mit der Realität zu erreichen, d.
h. mit dem, was außerhalb von uns,
unabhängig von uns besteht und, wie uns die Erfahrung gelehrt hat, für die Erfüllung oder
Vereitelung unserer Wünsche maßgebend ist. Diese Übereinstimmung mit der realen Außenwelt
heißen wir Wahrheit. Sie bleibt das Ziel der wissenschaftlichen Arbeit, auch wenn wir deren
praktischen Wert außer Augen lassen. Wenn also die Religion behauptet, daß sie die
Wissenschaft ersetzen kann, daß sie darum, weil sie wohltuend und erhebend ist, auch wahr sein
muß, so ist das in der Tat ein Übergriff, den man im allgemeinsten Interesse zurückweisen sollte.
Es ist eine starke Zumutung an den Menschen, der gelernt hat, seine gewöhnlichen Geschäfte
nach den Regeln der Erfahrung und unter Rücksicht auf die Realität zu führen, daß er die
Besorgung gerade seiner intimsten Interessen einer Instanz übertragen sollte, die die Befreiung
von den Vorschriften des rationellen Denkens als ihr Vorrecht in Anspruch nimmt. Und was den
Schutz betrifft, den die Religion ihren Gläubigen verspricht, so meine ich, niemand von uns
würde auch nur in ein Automobil einsteigen wollen, dessen Lenker erklärt, er fahre unbeirrt
durch die Regeln des Straßenverkehrs nach den Impulsen seiner von hohem Schwung getragenen
Phantasie.
Das Denkverbot, das die Religion im Dienste ihrer Selbsterhaltung ausgehen läßt, ist auch
keineswegs ungefährlich, weder für den Einzelnen noch für die menschliche Gemeinschaft. Die
analytische Erfahrung hat uns gelehrt, daß ein solches Verbot, wenn auch ursprünglich auf ein
bestimmtes Gebiet beschränkt, die Neigung hat sich auszubreiten und dann eine Ursache
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin