Page - 367 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Meine Damen und Herren! Ich denke, insofern Sie selbst der hier angegriffenen
wissenschaftlichen Weltanschauung anhängen, werden Sie durch diese Kritik nicht allzutief
erschüttert worden sein. Im kaiserlichen Österreich fiel einst ein Wort, an das ich hier erinnern
möchte. Der alte Herr schrie einmal die Abordnung einer ihm unbequemen Partei an: Das ist
keine gewöhnliche Opposition mehr, das ist faktiöse Opposition. So ähnlich werden Sie finden,
die Vorwürfe gegen die Wissenschaft, daß sie die Welträtsel noch nicht gelöst, sind in
ungerechter und gehässiger Weise übertrieben; für diese großen Leistungen hat sie bisher
wirklich zu wenig Zeit gehabt. Die Wissenschaft ist sehr jung, eine spät entwickelte menschliche
Tätigkeit. Halten wir uns vor, um nur einige Daten auszuwählen, es sind etwa 300 Jahre
vergangen, seit Kepler die Gesetze der Planetenbewegung fand, die Lebenszeit Newtons, der das
Licht in seine Farben zerlegte und die Lehre von der Schwerkraft aufstellte, ging 1727 zu Ende,
also vor wenig mehr als 200 Jahren, kurz vor der Französischen Revolution erkannte Lavoisier
den Sauerstoff. Ein Menschendasein ist sehr kurz im Vergleich zur Dauer der
Menschheitsentwicklung, ich mag heute ein sehr alter Mann sein, aber immerhin war ich schon
am Leben, als Ch. Darwin sein Werk über die Entstehung der Arten der Öffentlichkeit übergab.
In dem gleichen Jahr 1859 wurde der Entdecker des Radiums, Pierre Curie, geboren. Und wenn
Sie weiter zurückgehen, zu den Anfängen der exakten Naturwissenschaft bei den Griechen, zu
Archimedes, Aristarch von Samos (um 250 v. Chr.), dem Vorläufer des Kopernikus, oder selbst
zu den ersten Ansätzen der Astronomie bei den Babyloniern, so decken Sie damit nur einen
kleinen Bruchteil des Zeitraums, den die Anthropologie für die Entwicklung des Menschen von
seiner affenähnlichen Urform aus in Anspruch nimmt und der gewiß mehr als ein
Jahrhunderttausend umfaßt. Und vergessen wir nicht, das letzte Jahrhundert hat eine solche Fülle
von neuen Entdeckungen, eine so große Beschleunigung des wissenschaftlichen Fortschritts
gebracht, daß wir allen Grund haben, der Zukunft der Wissenschaft mit Zuversicht
entgegenzusehen.
Den anderen Ausstellungen müssen wir in gewissem Umfang recht geben. So ist eben der Weg
der Wissenschaft, langsam, tastend, mühselig. Es ist nicht zu leugnen und zu ändern. Kein
Wunder, daß die Herren von der anderen Seite unzufrieden sind; sie sind verwöhnt, bei der
Offenbarung haben sie es leichter gehabt. Der Fortschritt in der wissenschaftlichen Arbeit
vollzieht sich ganz ähnlich wie in einer Analyse. Man bringt Erwartungen in die Arbeit mit, aber
man muß sie zurückdrängen. Man erfährt durch die Beobachtung bald hier, bald dort etwas
Neues, die Stücke passen zunächst nicht zusammen. Man stellt Vermutungen auf, macht
Hilfskonstruktionen, die man zurücknimmt, wenn sie sich nicht bestätigen, man braucht viel
Geduld, Bereitschaft für alle Möglichkeiten, verzichtet auf frühe Überzeugungen, um nicht unter
deren Zwang neue, unerwartete Momente zu übersehen, und am Ende lohnt sich der ganze
Aufwand, die zerstreuten Funde fügen sich zusammen, man gewinnt den Einblick in ein ganzes
Stück des seelischen Geschehens, hat die Aufgabe erledigt und ist nun frei für die nächste. Nur
die Hilfe, die das Experiment der Forschung leistet, muß man in der Analyse entbehren.
An jener Kritik der Wissenschaft ist auch ein gutes Stück Übertreibung. Es ist nicht wahr, daß sie
blind von einem Versuch zum andern torkelt, einen Irrtum mit einem anderen vertauscht. In der
Regel arbeitet sie wie der Künstler am Tonmodell, wenn er am rohen Entwurf unermüdlich
ändert, aufträgt und wegnimmt, bis er einen ihn befriedigenden Grad von Ähnlichkeit mit dem
gesehenen oder vorgestellten Objekt erreicht hat. Auch gibt es, wenigstens in den älteren und
reiferen Wissenschaften, schon heute einen soliden Grundstock, der nur modifiziert und
ausgebaut, aber nicht mehr abgetragen wird. Es sieht nicht so arg aus im wissenschaftlichen
Betrieb.
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin