Page - 392 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Beziehung die beiden Personen verknüpfe, konnte ich dann im Wachen nicht ausfindig machen.
Als ich aber meine Mutter nach dem Arzt dieser meiner ersten Kinderjahre fragte, erfuhr ich, daß
er einäugig gewesen war, und einäugig ist auch der Gymnasiallehrer, dessen Person die des
Arztes im Traum gedeckt hatte. Es waren achtunddreißig Jahre her, daß ich den Arzt nicht mehr
gesehen, und ich habe meines Wissens im wachen Leben niemals an ihn gedacht, obwohl eine
Narbe am Kinn mich an seine Hilfeleistung hätte erinnern können.
Es klingt, als sollte ein Gegengewicht gegen die übergroße Rolle der Kindheitseindrücke im
Traumleben geschaffen werden, wenn mehrere Autoren behaupten, in den meisten Träumen
ließen sich Elemente aus den allerjüngsten Tagen nachweisen. Robert (1886, 46) äußert sogar: Im
allgemeinen beschäftigt sich der normale Traum nur mit den Eindrücken der letztvergangenen
Tage. Wir werden allerdings erfahren, daß die von Robert aufgebaute Theorie des Traumes eine
solche Zurückdrängung der ältesten und Vorschiebung der jüngsten Eindrücke gebieterisch
fordert. Die Tatsache aber, der Robert Ausdruck gibt, besteht, wie ich nach eigenen
Untersuchungen versichern kann, zu Recht. Ein amerikanischer Autor, Nelson, meint, am
häufigsten fänden sich im Traum Eindrücke vom Tage vor dem Traumtag oder vom dritten Tag
vorher verwertet, als ob die Eindrücke des dem Traum unmittelbar vorhergehenden Tages nicht
abgeschwächt – nicht abgelegen – genug wären.
Es ist mehreren Autoren, die den intimen Zusammenhang des Trauminhaltes mit dem Wachleben
nicht bezweifeln mochten, aufgefallen, daß Eindrücke, welche das wache Denken intensiv
beschäftigen, erst dann im Traume auftreten, wenn sie von der Tagesgedankenarbeit
einigermaßen zur Seite gedrängt worden sind. So träumt man in der Regel von einem lieben
Toten nicht die erste Zeit, solange die Trauer den Überlebenden ganz ausfüllt (Delage, 1891).
Indes hat eine der letzten Beobachterinnen, Miß Hallam, auch Beispiele vom gegenteiligen
Verhalten gesammelt und vertritt für diesen Punkt das Recht der psychologischen Individualität
(Hallam und Weed, 1896).
Die dritte, merkwürdigste und unverständlichste Eigentümlichkeit des Gedächtnisses im Traum
zeigt sich in der Auswahl des reproduzierten Materials, indem nicht wie im Wachen nur das
Bedeutsamste, sondern im Gegenteil auch das Gleichgültigste, Unscheinbarste der Erinnerung
wert gehalten wird. Ich lasse hierüber jene Autoren zu Worte kommen, welche ihrer
Verwunderung den kräftigsten Ausdruck gegeben haben.
Hildebrandt (1875, 11): »Denn das ist das Merkwürdige, daß der Traum seine Elemente in der
Regel nicht aus den großen und tiefgreifenden Ereignissen, nicht aus den mächtigen und
treibenden Interessen des vergangenen Tages, sondern aus den nebensächlichen Zugaben,
sozusagen aus den wertlosen Brocken der jüngst verlebten oder weiter rückwärts liegenden
Vergangenheit nimmt. Der erschütternde Todesfall in unserer Familie, unter dessen Eindrücken
wir spät einschlafen, bleibt ausgelöscht aus unserem Gedächtnisse, bis ihn der erste wache
Augenblick mit betrübender Gewalt in dasselbe zurückkehren läßt. Dagegen die Warze auf der
Stirn eines Fremden, der uns begegnete und an den wir keinen Augenblick mehr dachten,
nachdem wir an ihm vorübergegangen waren, die spielt eine Rolle in unserem Traume…«
Strümpell (1877, 39): »… solche Fälle, wo die Zerlegung eines Traumes Bestandteile desselben
auffindet, die zwar aus den Erlebnissen des vorigen oder vorletzten Tages stammen, aber doch so
unbedeutend und wertlos für das wache Bewußtsein waren, daß sie kurz nach dem Erleben der
Vergessenheit anheimfielen. Dergleichen Erlebnisse sind etwa zufällig gehörte Äußerungen oder
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin