Page - 393 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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oberflächlich bemerkte Handlungen eines anderen, rasch vorübergegangene Wahrnehmungen
von Dingen oder Personen, einzelne kleine Stücke aus einer Lektüre u.
dgl.«
Havelock Ellis (1899, 727): »The profound emotions of waking life, the questions and problems
on which we spread our chief voluntary mental energy, are not those which usually present
themselves at once to dream consciousness. It is, so far as the immediate past is concerned,
mostly the trifling, the incidental, the ›forgotten‹ impressions of daily life which reappear in our
dreams. The psychic activities that are awake most intensely are those that sleep most
profoundly.«
Binz (1878, 44–5) nimmt gerade die in Rede stehenden Eigentümlichkeiten des Gedächtnisses
im Traume zum Anlaß, seine Unbefriedigung mit den von ihm selbst unterstützten Erklärungen
des Traumes auszusprechen: »Und der natürliche Traum stellt uns ähnliche Fragen. Warum
träumen wir nicht immer die Gedächtniseindrücke der letztverlebten Tage, sondern tauchen oft
ein, ohne irgend erkennbares Motiv, in weit hinter uns liegende, fast erloschene Vergangenheit?
Warum empfängt im Traum das Bewußtsein so oft den Eindruck gleichgültiger
Erinnerungsbilder, während die Gehirnzellen da, wo sie die reizbarsten Aufzeichnungen des
Erlebten in sich tragen, meist stumm und starr liegen, es sei denn, daß eine akute Auffrischung
während des Wachens sie kurz vorher erregt hatte?«
Man sieht leicht ein, wie die sonderbare Vorliebe des Traumgedächtnisses für das Gleichgültige
und darum Unbeachtete an den Tageserlebnissen zumeist dazu führen mußte, die Abhängigkeit
des Traumes vom Tagesleben überhaupt zu verkennen und dann wenigstens den Nachweis
derselben in jedem einzelnen Falle zu erschweren. So war es möglich, daß Miß Whiton Calkins
(1893) bei der statistischen Bearbeitung ihrer (und ihres Gefährten) Träume doch elf Prozent der
Anzahl übrig behielt, in denen eine Beziehung zum Tagesleben nicht ersichtlich war. Sicherlich
hat Hildebrandt mit der Behauptung recht (1875), daß sich alle Traumbilder uns genetisch
erklären würden, wenn wir jedesmal Zeit und Sammlung genug darauf verwendeten, ihrer
Herkunft nachzuspüren. Er nennt dies freilich »ein äußerst mühseliges und undankbares
Geschäft. Denn es liefe ja meistens darauf hinaus, allerlei psychisch ganz wertlose Dinge in den
abgelegensten Winkeln der Gedächtniskammer aufzustöbern, allerlei völlig indifferente Momente
längst vergangener Zeit aus der Verschüttung, die ihnen vielleicht schon die nächste Stunde
brachte, wieder zutage zu fördern«. Ich muß aber doch bedauern, daß der scharfsinnige Autor
sich von der Verfolgung des so unscheinbar beginnenden Weges abhalten ließ; er hätte ihn
unmittelbar zum Zentrum der Traumerklärung geleitet.
Das Verhalten des Traumgedächtnisses ist sicherlich höchst bedeutsam für jede Theorie des
Gedächtnisses überhaupt. Es lehrt, daß »Nichts, was wir geistig einmal besessen, ganz und gar
verlorengehen kann« (Scholz, 1887, 34). Oder, wie Delboeuf es ausdrückt, »que tonte impression
même la plus insignifiante, laisse une trace inaltérable, indéfmiment susceptible de reparaître au
jour«, ein Schluß, zu welchem so viele andere, pathologische Erscheinungen des Seelenlebens
gleichfalls drängen. Man halte sich nun diese außerordentliche Leistungsfähigkeit des
Gedächtnisses im Traum vor Augen, um den Widerspruch lebhaft zu empfinden, den gewisse
später zu erwähnende Traumtheorien aufstellen müssen, welche die Absurdität und Inkohärenz
der Träume durch ein partielles Vergessen des uns bei Tag Bekannten erklären wollen.
Man könnte etwa auf den Einfall geraten, das Phänomen des Träumens überhaupt auf das des
Erinnerns zu reduzieren, im Traum die Äußerung einer auch nachts nicht rastenden
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin