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Traumreize und Traumquellen
Was man unter Traumreizen und Traumquellen verstehen soll, das kann durch eine Berufung auf
die Volksrede »Träume kommen vom Magen« verdeutlicht werden. Hinter der Aufstellung dieser
Begriffe verbirgt sich eine Theorie, die den Traum als Folge einer Störung des Schlafes erfaßt.
Man hätte nicht geträumt, wenn nicht irgendetwas Störendes im Schlaf sich geregt hätte, und der
Traum ist die Reaktion auf diese Störung.
Die Erörterungen über die erregenden Ursachen der Träume nehmen in den Darstellungen der
Autoren den breitesten Raum ein. Daß das Problem sich erst ergeben konnte, seitdem der Traum
ein Gegenstand der biologischen Forschung geworden war, ist selbstverständlich. Die Alten,
denen der Traum als göttliche Sendung galt, brauchten nach einer Reizquelle für ihn nicht zu
suchen; aus dem Willen der göttlichen oder dämonischen Macht erfloß der Traum, aus deren
Wissen oder Absicht sein Inhalt. Für die Wissenschaft erhob sich alsbald die Frage, ob der Anreiz
zum Träumen stets der nämliche sei oder ein vielfacher sein könne, und damit die Erwägung, ob
die ursächliche Erklärung des Traumes der Psychologie oder vielmehr der Physiologie
anheimfalle. Die meisten Autoren scheinen anzunehmen, daß die Ursachen der Schlafstörung,
also die Quellen des Träumens, mannigfaltiger Art sein können und daß Leibreize ebenso wie
seelische Erregungen zur Rolle von Traumerregern gelangen. In der Bevorzugung der einen oder
der anderen unter den Traumquellen, in der Herstellung einer Rangordnung unter ihnen je nach
ihrer Bedeutsamkeit für die Entstehung des Traumes gehen die Ansichten weit auseinander.
Wo die Aufzählung der Traumquellen vollständig ist, da ergeben sich schließlich vier Arten
derselben, die auch zur Einteilung der Träume verwendet worden sind: 1) Äußere (objektive)
Sinneserregung. 2) Innere (subjektive) Sinneserregung. 3) Innerer (organischer) Leibreiz. 4) Rein
psychische Reizquellen.
Ad 1) Die äußeren Sinnesreize
Der jüngere Strümpell, der Sohn des Philosophen, dessen Werk über den Traum uns bereits
mehrmals als Wegweiser in die Traumprobleme diente, hat bekanntlich die Beobachtung eines
Kranken mitgeteilt, der mit allgemeiner Anästhesie der Körperdecken und Lähmung mehrerer der
höheren Sinnesorgane behaftet war. Wenn man bei diesem Manne die wenigen noch offenen
Sinnespforten von der Außenwelt abschloß, verfiel er in Schlaf. Wenn wir einschlafen wollen,
pflegen wir alle eine Situation anzustreben, die jener im Strümpellschen Experimente ähnlich ist.
Wir verschließen die wichtigsten Sinnespforten, die Augen, und suchen von den anderen Sinnen
jeden Reiz oder jede Veränderung der auf sie wirkenden Reize abzuhalten. Wir schlafen dann
ein, obwohl uns unser Vorhaben nie völlig gelingt. Wir können weder die Reize vollständig von
den Sinnesorganen fernhalten noch die Erregbarkeit unserer Sinnesorgane völlig aufheben. Daß
wir durch stärkere Reize jederzeit zu erwecken sind, darf uns beweisen, »daß die Seele auch im
Schlaf in fortdauernder Verbindung mit der außerleiblichen Welt« geblieben ist. Die Sinnesreize,
die uns während des Schlafes zukommen, können sehr wohl zu Traumquellen werden.
Von solchen Reizen gibt es nun eine große Reihe, von den unvermeidlichen an, die der
Schlafzustand mit sich bringt oder nur gelegentlich zulassen muß, bis zum zufälligen Weckreiz,
welcher geeignet oder dazu bestimmt ist, dem Schlafe ein Ende zu machen. Es kann stärkeres
Licht in die Augen dringen, ein Geräusch sich vernehmbar machen, ein riechender Stoff die
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin