Page - 399 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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»Eine zweite Kombination. Es ist heller Wintertag; die Straßen sind hoch mit Schnee bedeckt.
Ich habe meine Teilnahme an einer Schlittenfahrt zugesagt, muß aber lange warten, bis die
Meldung erfolgt, der Schlitten stehe vor der Tür. Jetzt erfolgen die Vorbereitungen zum
Einsteigen – der Pelz wird angelegt, der Fußsack hervorgeholt – und endlich sitze ich auf meinem
Platze. Aber noch verzögert sich die Abfahrt, bis die Zügel den harrenden Rossen das fühlbare
Zeichen geben. Nun ziehen diese an; die kräftig geschüttelten Schellen beginnen ihre
wohlbekannte Janitscharenmusik mit einer Mächtigkeit, die augenblicklich das Spinngewebe des
Traumes zerreißt. Wieder ist’s nichts anderes als der schrille Ton der Weckerglocke.«
»Noch das dritte Beispiel! Ich sehe ein Küchenmädchen mit einigen Dutzend aufgetürmter Teller
den Korridor entlang zum Speisezimmer schreiten. Die Porzellansäule in ihren Armen scheint
mir in Gefahr, das Gleichgewicht zu verlieren. ›Nimm dich in acht‹, warne ich, ›die ganze
Ladung wird zur Erde fallen.‹ Natürlich bleibt der obligate Widerspruch nicht aus: man sei
dergleichen schon gewohnt usw., während dessen ich noch immer mit Blicken der Besorgnis die
Wandelnde begleite. Richtig, an der Türschwelle erfolgt ein Straucheln, – das zerbrechliche
Geschirr fällt und rasselt und prasselt in hundert Scherben auf dem Fußboden umher. Aber – das
endlos sich fortsetzende Getön ist doch, wie ich bald merke, kein eigentliches Rasseln, sondern
ein richtiges Klingeln – und mit diesem Klingeln hat, wie nunmehr der Erwachende erkennt, nur
der Wecker seine Schuldigkeit getan.«
Die Frage, warum die Seele im Traum die Natur des objektiven Sinnesreizes verkenne, ist von
Strümpell (1877) – und fast ebenso von Wundt (1874) – dahin beantwortet worden, daß sie sich
gegen solche im Schlaf angreifende Reize unter den Bedingungen der Illusionsbildung befindet.
Ein Sinneseindruck wird von uns erkannt, richtig gedeutet, d.
h. unter die Erinnerungsgruppe
eingereiht, in die er nach allen vorausgegangenen Erfahrungen gehört, wenn der Eindruck stark,
deutlich, dauerhaft genug ist und wenn uns die für diese Überlegung erforderliche Zeit zu Gebote
steht. Sind diese Bedingungen nicht erfüllt, so verkennen wir das Objekt, von dem der Eindruck
herrührt; wir bilden auf Grund desselben eine Illusion. »Wenn jemand auf freiem Felde
spazierengeht und einen entfernten Gegenstand undeutlich wahrnimmt, kann es kommen, daß er
denselben zuerst für ein Pferd hält.« Bei näherem Zusehen kann die Deutung einer ruhenden Kuh
sich aufdrängen, und endlich kann sich die Vorstellung mit Bestimmtheit in die einer Gruppe von
sitzenden Menschen auflösen. Ähnlich unbestimmter Natur sind nun die Eindrücke, welche die
Seele im Schlafe durch äußere Reize empfängt; sie bildet auf Grund derselben Illusionen, indem
durch den Eindruck eine größere oder kleinere Anzahl von Erinnerungsbildern wachgerufen
wird, durch welche der Eindruck seinen psychischen Wert bekommt. Aus welchem der vielen in
Betracht kommenden Erinnerungskreise die zugehörigen Bilder geweckt werden und welche der
möglichen Assoziationsbeziehungen dabei in Kraft treten, dies bleibt auch nach Strümpell
unbestimmbar und gleichsam der Willkür des Seelenlebens überlassen.
Wir stehen hier vor einer Wahl. Wir können zugeben, daß die Gesetzmäßigkeit in der
Traumbildung wirklich nicht weiter zu verfolgen ist, und somit verzichten zu fragen, ob die
Deutung der durch den Sinneseindruck hervorgerufenen Illusion nicht noch anderen
Bedingungen unterliegt. Oder wir können auf die Vermutung geraten, daß die im Schlaf
angreifende objektive Sinnesreizung als Traumquelle nur eine bescheidene Rolle spielt und daß
andere Momente die Auswahl der wachzurufenden Erinnerungsbilder determinieren. In der Tat,
wenn man die experimentell erzeugten Träume Maurys prüft, die ich in dieser Absicht so
ausführlich mitgeteilt habe, so ist man versucht zu sagen, der angestellte Versuch deckt eigentlich
nur eines der Traumelemente nach seiner Herkunft, und der übrige Trauminhalt erscheint
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin