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vielmehr zu selbständig, zu sehr im einzelnen bestimmt, als daß er durch die eine Anforderung, er
müsse sich mit dem experimentell eingeführten Element vertragen, aufgeklärt werden könnte. Ja
man beginnt selbst an der Illusionstheorie und an der Macht des objektiven Eindrucks, den Traum
zu gestalten, zu zweifeln, wenn man erfährt, daß dieser Eindruck gelegentlich die
allersonderbarste und entlegenste Deutung im Traume erfährt. So erzählt z. B. Simon (1888)
einen Traum, in dem er riesenhafte Personen bei Tische sitzen sah und deutlich das furchtbare
Geklapper hörte, das ihre aufeinanderschlagenden Kiefer beim Kauen erzeugten. Als er erwachte,
hörte er den Hufschlag eines vor seinem Fenster vorbeigaloppierenden Pferdes. Wenn hier der
Lärm der Pferdehufe gerade Vorstellungen aus dem Erinnerungskreis von Gullivers Reisen,
Aufenthalt bei den Riesen von Brobdingnag und bei den tugendhaften Pferdewesen wachgerufen
hat – wie ich ohne alle Unterstützung von Seite des Autors etwa deuten möchte –, sollte die
Auswahl dieses für den Reiz so ungewöhnlichen Erinnerungskreises nicht außerdem durch
andere Motive erleichtert gewesen sein?[8]
Ad 2) Innere (subjektive) Sinneserregung
Allen Einwendungen zum Trotz wird man zugeben müssen, daß die Rolle objektiver
Sinneserregungen während des Schlafs als Traumerreger unbestritten feststeht, und wenn diese
Reize ihrer Natur und Häufigkeit nach vielleicht unzureichend erscheinen, um alle Traumbilder
zu erklären, so wird darauf hingewiesen, nach anderen, aber ihnen analog wirkenden
Traumquellen zu suchen. Ich weiß nun nicht, wo zuerst der Gedanke aufgetaucht ist, neben den
äußeren Sinnesreizen die inneren (subjektiven) Erregungen in den Sinnesorganen in Anspruch zu
nehmen; es ist aber Tatsache, daß dies in allen neueren Darstellungen der Traumätiologie mehr
oder minder nachdrücklich geschieht. »Eine wesentliche Rolle spielen ferner, wie ich glaube«,
sagt Wundt (1874, 657), »bei den Traumillusionen jene subjektiven Gesichts- und
Gehörsempfindungen, die uns aus dem wachen Zustande als Lichtchaos des dunkeln
Gesichtsfeldes, als Ohrenklingen, Ohrensausen usw. bekannt sind, unter ihnen namentlich die
subjektiven Netzhauterregungen. So erklärt sich die merkwürdige Neigung des Traumes,
ähnliche oder ganz übereinstimmende Objekte in der Mehrzahl dem Auge vorzuzaubern.
Zahllose Vögel, Schmetterlinge, Fische, bunte Perlen, Blumen u.
dgl. sehen wir vor uns
ausgebreitet. Hier hat der Lichtstaub des dunkeln Gesichtsfeldes phantastische Gestalt
angenommen, und die zahlreichen Lichtpunkte, aus denen derselbe besteht, werden von dem
Traum in ebenso vielen Einzelbildern verkörpert, die wegen der Beweglichkeit des Lichtchaos als
bewegte Gegenstände angeschaut werden. – Hierin wurzelt wohl auch die große Neigung des
Traumes zu den mannigfachsten Tiergestalten, deren Formenreichtum sich der besonderen Form
der subjektiven Lichtbilder leicht anschmiegt.«
Die subjektiven Sinneserregungen haben als Quelle der Traumbilder offenbar den Vorzug, daß
sie nicht wie die objektiven vom äußeren Zufall abhängig sind. Sie stehen sozusagen der
Erklärung zu Gebote, sooft diese ihrer bedarf. Sie stehen aber hinter den objektiven Sinnesreizen
darin zurück, daß sie jener Bestätigung ihrer Rolle als Traumerreger, welche Beobachtung und
Experiment bei den letzteren ergeben, nur schwer oder gar nicht zugänglich sind. Den
Haupterweis für die traumerregende Macht subjektiver Sinneserregungen erbringen die
sogenannten hypnagogischen Halluzinationen, die von Joh. Müller (1826) als »phantastische
Gesichtserscheinungen« beschrieben worden sind. Es sind dies oft sehr lebhafte, wechselvolle
Bilder, die sich in der Periode des Einschlafens, bei vielen Menschen ganz regelmäßig,
einzustellen pflegen und auch nach dem Öffnen der Augen eine Weile bestehen bleiben können.
Maury, der ihnen im hohen Grade unterworfen war, hat ihnen eine eingehende Würdigung
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin