Page - 403 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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nicht so bedeutsam, als man meinen möchte. Der Traum ist ja ein Phänomen, das sich bei
Gesunden – vielleicht bei allen, vielleicht allnächtlich – einstellt und das Organerkrankung
offenbar nicht zu seinen unentbehrlichen Bedingungen zählt. Es handelt sich für uns aber nicht
darum, woher besondere Träume rühren, sondern was für die gewöhnlichen Träume normaler
Menschen die Reizquelle sein mag.
Indes bedarf es jetzt nur eines Schrittes weiter, um auf eine Traumquelle zu stoßen, die
reichlicher fließt als jede frühere und eigentlich für keinen Fall zu versiegen verspricht. Wenn es
sichergestellt ist, daß das Körperinnere im kranken Zustande zur Quelle der Traumreize wird, und
wenn wir zugeben, daß die Seele im Schlafzustande, von der Außenwelt abgelenkt, dem Innern
des Leibes größere Aufmerksamkeit zuwenden kann, so liegt es nahe anzunehmen, daß die
Organe nicht erst zu erkranken brauchen, um Erregungen, die irgendwie zu Traumbildern
werden, an die schlafende Seele gelangen zu lassen. Was wir im Wachen dumpf als
Gemeingefühl nur seiner Qualität nach wahrnehmen und wozu nach der Meinung der Ärzte alle
Organsysteme ihre Beiträge leisten, das würde nachts, zur kräftigen Einwirkung gelangt und mit
seinen einzelnen Komponenten tätig, die mächtigste und gleichzeitig die gewöhnlichste Quelle
für die Erweckung der Traumvorstellungen ergeben. Es erübrigte dann noch die Untersuchung,
nach welchen Regeln sich die Organreize in Traumvorstellungen umsetzen.
Wir haben hier jene Theorie der Traumentstehung berührt, welche die bevorzugte bei allen
ärztlichen Autoren geworden ist. Das Dunkel, in welches der Kern unseres Wesens, das »moi
splanchnique«, wie Tissié es nennt, für unsere Kenntnisse gehüllt ist, und das Dunkel der
Traumentstehung entsprechen einander zu gut, um nicht in Beziehung zueinander gebracht zu
werden. Der Ideengang, welcher die vegetative Organempfindung zum Traumbildner macht, hat
überdies für den Arzt den anderen Anreiz, daß er Traum und Geistesstörung, die soviel
Übereinstimmung in ihren Erscheinungen zeigen, auch ätiologisch vereinigen läßt, denn
Alterationen des Gemeingefühls und Reize, die von den inneren Organen ausgehen, werden auch
einer weitreichenden Bedeutung für die Entstehung der Psychosen bezichtigt. Es ist darum nicht
zu verwundern, wenn die Leibreiztheorie sich auf mehr als einen Urheber, der sie selbständig
angegeben, zurückführen läßt.
Für eine Reihe von Autoren wurde der Gedankengang maßgebend, den der Philosoph
Schopenhauer im Jahre 1851 entwickelt hat. Das Weltbild entsteht in uns dadurch, daß unser
Intellekt die ihn von außen treffenden Eindrücke in die Formen der Zeit, des Raums und der
Kausalität umgießt. Die Reize aus dem Inneren des Organismus, vom sympathischen
Nervensystem her, äußern bei Tag höchstens einen unbewußten Einfluß auf unsere Stimmung.
Bei Nacht aber, wenn die übertäubende Wirkung der Tageseindrücke aufgehört hat, vermögen
jene aus dem Innern heraufdringenden Eindrücke sich Aufmerksamkeit zu verschaffen – ähnlich
wie wir bei Nacht die Quelle rieseln hören, die der Lärm des Tages unvernehmbar machte. Wie
anders aber soll der Intellekt auf diese Reize reagieren, als indem er seine ihm eigentümliche
Funktion vollzieht? Er wird also die Reize zu raum- und zeiterfüllenden Gestalten, die sich am
Leitfaden der Kausalität bewegen, umformen, und so entsteht der Traum. In die nähere
Beziehung zwischen Leibreizen und Traumbildern versuchten dann Scherner (1861) und nach
ihm Volkelt (1875) einzudringen, deren Würdigung wir uns auf den Abschnitt über die
Traumtheorien aufsparen.
In einer besonders konsequent durchgeführten Untersuchung hat der Psychiater Krauß die
Entstehung des Traumes wie der Delirien und Wahnideen von dem nämlichen Element, der
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin