Page - 408 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Warum man den Traum nach dem Erwachen vergisst?
Daß der Traum am Morgen »zerrinnt«, ist sprichwörtlich. Freilich ist er der Erinnerung fähig.
Denn wir kennen den Traum ja nur aus der Erinnerung an ihn nach dem Erwachen; aber wir
glauben sehr oft, daß wir ihn nur unvollständig erinnern, während in der Nacht mehr von ihm da
war; wir können beobachten, wie eine des Morgens noch lebhafte Traumerinnerung im Laufe des
Tages bis auf kleine Brocken dahinschwindet; wir wissen oft, daß wir geträumt haben, aber nicht,
was wir geträumt haben, und wir sind an die Erfahrung, daß der Traum dem Vergessen
unterworfen ist, so gewöhnt, daß wir die Möglichkeit nicht als absurd verwerfen, daß auch der
bei Nacht geträumt haben könnte, der am Morgen weder vom Inhalt noch von der Tatsache des
Träumens etwas weiß. Anderseits kommt es vor, daß Träume eine außerordentliche Haltbarkeit
im Gedächtnisse zeigen. Ich habe bei meinen Patienten Träume analysiert, die sich ihnen vor
fünfundzwanzig und mehr Jahren ereignet hatten, und kann mich an einen eigenen Traum
erinnern, der durch mindestens siebenunddreißig Jahre vom heutigen Tag getrennt ist und doch
an seiner Gedächtnisfrische nichts eingebüßt hat. Dies alles ist sehr merkwürdig und zunächst
nicht verständlich.
Über das Vergessen der Träume handelt am ausführlichsten Strümpell. Dieses Vergessen ist
offenbar ein komplexes Phänomen, denn Strümpell führt es nicht auf einen einzigen, sondern auf
eine ganze Reihe von Gründen zurück.
Zunächst sind für das Vergessen der Träume alle jene Gründe wirksam, die im Wachleben das
Vergessen herbeiführen. Wir pflegen als Wachende eine Unzahl von Empfindungen und
Wahrnehmungen alsbald zu vergessen, weil sie zu schwach waren, weil die an sie geknüpfte
Seelenerregung einen zu geringen Grad hatte. Dasselbe ist rücksichtlich vieler Traumbilder der
Fall; sie werden vergessen, weil sie zu schwach waren, während stärkere Bilder aus ihrer Nähe
erinnert werden. Übrigens ist das Moment der Intensität für sich allein sicher nicht entscheidend
für die Erhaltung der Traumbilder; Strümpell gesteht wie auch andere Autoren (Calkins, 1893)
zu, daß man häufig Traumbilder rasch vergißt, von denen man weiß, daß sie sehr lebhaft waren,
während unter den im Gedächtnis erhaltenen sich sehr viele schattenhafte, sinnesschwache Bilder
befinden. Ferner pflegt man im Wachen leicht zu vergessen, was sich nur einmal ereignet hat,
und besser zu merken, was man wiederholt wahrnehmen konnte. Die meisten Traumbilder sind
aber einmalige Erlebnisse[11]; diese Eigentümlichkeit wird gleichmäßig zum Vergessen aller
Träume beitragen. Weit bedeutsamer ist dann ein dritter Grund des Vergessens. Damit
Empfindungen, Vorstellungen, Gedanken usw. eine gewisse Erinnerungsgröße erlangen, ist es
notwendig, daß sie nicht vereinzelt bleiben, sondern Verbindungen und Vergesellschaftungen
passender Art eingehen. Löst man einen kleinen Vers in seine Worte auf und schüttelt diese
durcheinander, so wird es sehr schwer, ihn zu merken. »Wohlgeordnet und in sachgemäßer Folge
hilft ein Wort dem anderen, und das Ganze steht sinnvoll in der Erinnerung leicht und lange fest.
Widersinniges behalten wir im allgemeinen ebenso schwer und ebenso selten wie das
Verworrene und Ordnungslose.« Nun fehlt den Träumen in den meisten Fällen Verständlichkeit
und Ordnung. Die Traumkompositionen entbehren an sich der Möglichkeit ihres eigenen
Gedächtnisses und werden vergessen, weil sie meistens schon in den nächsten Zeitmomenten
auseinanderfallen. – Zu diesen Ausführungen stimmt allerdings nicht ganz, was Radestock (1879,
168) bemerkt haben will, daß wir gerade die sonderbarsten Träume am besten behalten.
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin