Page - 409 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Noch wirkungsvoller für das Vergessen des Traumes erscheinen Strümpell andere Momente, die
sich aus dem Verhältnis von Traum und Wachleben ableiten. Die Vergeßlichkeit der Träume für
das wache Bewußtsein ist augenscheinlich nur das Gegenstück zu der früher erwähnten Tatsache,
daß der Traum (fast) nie geordnete Erinnerungen aus dem Wachleben, sondern nur Einzelheiten
aus demselben übernimmt, die er aus ihren gewohnten psychischen Verbindungen reißt, in denen
sie im Wachen erinnert werden. Die Traumkomposition hat somit keinen Platz in der
Gesellschaft der psychischen Reihen, mit denen die Seele erfüllt ist. Es fehlen ihr alle
Erinnerungshilfen. »Auf diese Weise hebt sich das Traumgebilde gleichsam von dem Boden
unseres Seelenlebens ab und schwebt im psychischen Raum wie eine Wolke am Himmel, die der
neu belebte Atem rasch verweht.« (1877, 87.) Nach derselben Richtung wirkt der Umstand, daß
mit dem Erwachen sofort die herandrängende Sinneswelt die Aufmerksamkeit mit Beschlag
belegt, so daß vor dieser Macht die wenigsten Traumbilder standhalten können. Diese weichen
vor den Eindrücken des jungen Tages wie der Glanz der Gestirne vor dem Licht der Sonne.
An letzter Stelle ist als förderlich für das Vergessen der Träume der Tatsache zu gedenken, daß
die meisten Menschen ihren Träumen überhaupt wenig Interesse entgegenbringen. Wer sich z.
B.
als Forscher eine Zeitlang für den Traum interessiert, träumt währenddessen auch mehr als sonst,
das heißt wohl: er erinnert seine Träume leichter und häufiger.
Zwei andere Gründe des Vergessens der Träume, die Bonatelli (bei Benini) zu den
Strümpellschen hinzugefügt, sind wohl bereits in diesen enthalten, nämlich: 1) daß die
Veränderung des Gemeingefühls zwischen Schlafen und Wachen der wechselseitigen
Reproduktion ungünstig ist und 2) daß die andere Anordnung des Vorstellungsmaterials im
Traume diesen sozusagen unübersetzbar fürs Wachbewußtsein macht.
Nach all diesen Gründen fürs Vergessen wird es, wie Strümpell selbst hervorhebt, erst recht
merkwürdig, daß soviel von den Träumen doch in der Erinnerung behalten wird. Die
fortgesetzten Bemühungen der Autoren, das Erinnern der Träume in Regeln zu fassen, kommen
einem Eingeständnis gleich, daß auch hier etwas rätselhaft und ungelöst geblieben ist. Mit Recht
sind einzelne Eigentümlichkeiten der Erinnerung an den Traum neuerdings besonders bemerkt
worden, z. B. daß man einen Traum, den man am Morgen für vergessen hält, im Laufe des Tages
aus Anlaß einer Wahrnehmung erinnern kann, die zufällig an den – doch vergessenen – Inhalt des
Traums anrührt (Radestock 1879, Tissié 1898). Die gesamte Erinnerung an den Traum unterliegt
aber einer Einwendung, die geeignet ist, ihren Wert in kritischen Augen recht ausgiebig
herabzusetzen. Man kann zweifeln, ob unsere Erinnerung, die soviel vom Traum wegläßt, das,
was sie erhalten hat, nicht verfälscht.
Solche Zweifel an der Exaktheit der Reproduktion des Traumes spricht auch Strümpell aus
(1877): »Dann geschieht es eben leicht, daß das wache Bewußtsein unwillkürlich manches in die
Erinnerung des Traumes einfügt: man bildet sich ein, allerlei geträumt zu haben, was der
gewesene Traum nicht enthielt.«
Besonders entschieden äußert sich Jessen (1855, 547): »Außerdem ist aber bei der Untersuchung
und Deutung zusammenhängender und folgerichtiger Träume der, wie es scheint, bisher wenig
beachtete Umstand sehr in Betracht zu ziehen, daß es dabei fast immer mit der Wahrheit hapert,
weil wir, wenn wir einen gehabten Traum in unser Gedächtnis zurückrufen, ohne es zu bemerken
oder zu wollen, die Lücken der Traumbilder ausfüllen und ergänzen. Selten und vielleicht
niemals ist ein zusammenhängender Traum so zusammenhängend gewesen, wie er uns in der
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin