Page - 412 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Traumlebens anerkennen müssen. Von den Bildern – den hypnagogischen Halluzinationen –
haben wir erfahren, daß sie selbst dem Inhalt nach mit den Traumbildern identisch sind[12].
Der Traum denkt also vorwiegend in visuellen Bildern, aber doch nicht ausschließlich. Er arbeitet
auch mit Gehörsbildern und in geringerem Ausmaße mit den Eindrücken der anderen Sinne.
Vieles wird auch im Traum einfach gedacht oder vorgestellt (wahrscheinlich also durch
Wortvorstellungsreste vertreten), ganz wie sonst im Wachen. Charakteristisch für den Traum sind
aber doch nur jene Inhaltselemente, welche sich wie Bilder verhalten, d. h. den Wahrnehmungen
ähnlicher sind als den Erinnerungsvorstellungen. Mit Hinwegsetzung über alle die dem
Psychiater wohlbekannten Diskussionen über das Wesen der Halluzination können wir mit allen
sachkundigen Autoren aussagen, daß der Traum halluziniert, daß er Gedanken durch
Halluzinationen ersetzt. In dieser Hinsicht besteht kein Unterschied zwischen visuellen und
akustischen Vorstellungen; es ist bemerkt worden, daß die Erinnerung an eine Tonfolge, mit der
man einschläft, sich beim Versinken in den Schlaf in die Halluzination derselben Melodie
verwandelt, um beim Zusichkommen, das mit dem Einnicken mehrmals abwechseln kann, wieder
der leiseren und qualitativ anders gearteten Erinnerungsvorstellung Platz zu machen.
Die Verwandlung der Vorstellung in Halluzination ist nicht die einzige Abweichung des Traumes
von einem etwa ihm entsprechenden Wachgedanken. Aus diesen Bildern gestaltet der Traum eine
Situation, er stellt etwas als gegenwärtig dar, er dramatisiert eine Idee, wie Spitta (1882, 145)
sich ausdrückt. Die Charakteristik dieser Seite des Traumlebens wird aber erst vollständig, wenn
man hinzunimmt, daß man beim Träumen – in der Regel, die Ausnahmen fordern eine besondere
Aufklärung – nicht zu denken, sondern zu erleben vermeint, die Halluzinationen also mit vollem
Glauben aufnimmt. Die Kritik, man habe nichts erlebt, sondern nur in eigentümlicher Form
gedacht – geträumt –, regt sich erst beim Erwachen. Dieser Charakter scheidet den echten
Schlaftraum von der Tagträumerei, die niemals mit der Realität verwechselt wird.
Burdach hat die bisher betrachteten Charaktere des Traumlebens in folgenden Sätzen
zusammengefaßt (1838, 502
f.): »Zu den wesentlichen Merkmalen des Traumes gehört a) daß die
subjektive Tätigkeit unserer Seele als objektiv erscheint, indem das Wahrnehmungsvermögen die
Produkte der Phantasie so auffaßt, als ob es sinnliche Rührungen wären;… b) der Schlaf ist eine
Aufhebung der Eigenmächtigkeit. Daher gehört eine gewisse Passivität zum Einschlafen… Die
Schlummerbilder werden durch den Nachlaß der Eigenmächtigkeit bedingt.«
Es handelt sich nun um den Versuch, die Gläubigkeit der Seele gegen die Traumhalluzinationen,
die erst nach Einstellung einer gewissen eigenmächtigen Tätigkeit auftreten können, zu erklären.
Strümpell (1877) führt aus, daß die Seele sich dabei korrekt und ihrem Mechanismus gemäß
benimmt. Die Traumelemente sind keineswegs bloße Vorstellungen, sondern wahrhafte und
wirkliche Erlebnisse der Seele, wie sie im Wachen durch Vermittlung der Sinne auftreten (ibid.,
34). Während die Seele wachend in Wortbildern und in der Sprache vorstellt und denkt, stellt sie
vor und denkt im Traum in wirklichen Empfindungsbildern (ibid., 35). Überdies kommt im
Traum ein Raumbewußtsein hinzu, indem, wie im Wachen, Empfindungen und Bilder in einen
äußeren Raum versetzt werden (ibid., 36). Man muß also zugestehen, daß sich die Seele im
Traume ihren Bildern und Wahrnehmungen gegenüber in derselben Lage befindet wie im
Wachen (ibid., 43). Wenn sie dabei dennoch irregeht, so rührt dies daher, daß ihr im
Schlafzustand das Kriterium fehlt, welches allein zwischen von außen und von innen gegebenen
Sinneswahrnehmungen unterscheiden kann. Sie kann ihre Bilder nicht den Proben unterziehen,
welche allein deren objektive Realität erweisen. Sie vernachlässigt außerdem den Unterschied
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin