Page - 413 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
Image of the Page - 413 -
Text of the Page - 413 -
zwischen willkürlich vertauschbaren Bildern und anderen, wo diese Willkür wegfällt. Sie irrt,
weil sie das Gesetz der Kausalität nicht auf den Inhalt ihres Traumes anwenden kann (ibid.,
50–1). Kurz, ihre Abkehrung von der Außenwelt enthält auch den Grund für ihren Glauben an die
subjektive Traumwelt.
Zum selben Schlusse gelangt nach teilweise abweichenden psychologischen Entwicklungen
Delboeuf (1885, 84). Wir schenken den Traumbildern den Realitätsglauben, weil wir im Schlafe
keine anderen Eindrücke zum Vergleiche haben, weil wir von der Außenwelt abgelöst sind. Aber
nicht etwa darum glauben wir an die Wahrheit unserer Halluzinationen, weil uns im Schlafe die
Möglichkeit entzogen ist, Proben anzustellen. Der Traum kann uns alle diese Prüfungen
vorspiegeln, uns etwa zeigen, daß wir die gesehene Rose berühren, und wir träumen dabei doch.
Es gibt nach Delboeuf kein stichhältiges Kriterium dafür, ob etwas ein Traum ist oder wache
Wirklichkeit, außer – und dies nur in praktischer Allgemeinheit – der Tatsache des Erwachens.
Ich erkläre alles für Täuschung, was zwischen Einschlafen und Erwachen erlebt worden ist, wenn
ich durch das Erwachen merke, daß ich ausgekleidet in meinem Bette liege. Während des
Schlafes habe ich die Traumbilder für wahr gehalten infolge der nicht einzuschläfernden
Denkgewohnheit, eine Außenwelt anzunehmen, zu der ich mein Ich in Gegensatz bringe[13].
Wird so die Abwendung von der Außenwelt zu dem bestimmenden Momente für die
Ausprägung der auffälligsten Charaktere des Traumlebens erhoben, so verlohnt es sich, einige
feinsinnige Bemerkungen des alten Burdach anzuführen, welche auf die Beziehung der
schlafenden Seele zur Außenwelt Licht werfen und dazu angetan sind, vor einer Überschätzung
der vorstehenden Ableitungen zurückzuhalten. »Der Schlaf erfolgt nur unter der Bedingung«,
sagt Burdach, »daß die Seele nicht von Sinnesreizen angeregt wird, … aber es ist nicht sowohl
der Mangel an Sinnesreizen die Bedingung des Schlafes, als vielmehr der Mangel an Interesse
dafür[14]; mancher sinnliche Eindruck ist selbst notwendig, insofern er zur Beruhigung der Seele
dient, wie denn der Müller nur dann schläft, wenn er das Klappern seiner Mühle hört, und der,
welcher aus Vorsicht ein Nachtlicht zu brennen für nötig hält, im Dunkeln nicht einschlafen
kann.« (1838, 482.)
»Die Seele isoliert sich im Schlafe gegen die Außenwelt und zieht sich von der Peripherie …
zurück … Indes ist der Zusammenhang nicht ganz unterbrochen; wenn man nicht im Schlafe
selbst, sondern erst nach dem Erwachen hörte und fühlte, so könnte man überhaupt nicht geweckt
werden. Noch mehr wird die Fortdauer der Sensation dadurch bewiesen, daß man nicht immer
durch die bloß sinnliche Stärke eines Eindruckes, sondern durch die psychische Beziehung
desselben geweckt wird; ein gleichgültiges Wort weckt den Schlafenden nicht, ruft man ihn aber
beim Namen, so erwacht er…, die Seele unterscheidet also im Schlafe zwischen den Sensationen
… Daher kann man denn auch durch den Mangel eines Sinnesreizes, wenn dieser sich auf eine
für die Vorstellung wichtige Sache bezieht, geweckt werden; so erwacht man vom Auslöschen
eines Nachtlichtes und der Müller vom Stillstande seiner Mühle, also vom Aufhören der
Sinnestätigkeit, und dies setzt voraus, daß diese perzipiert worden ist, aber als gleichgültig, oder
vielmehr befriedigend, die Seele nicht aufgestört hat.« (Ibid., 485–6.)
Wenn wir selbst von diesen nicht geringzuschätzenden Einwendungen absehen wollen, so
müssen wir doch zugestehen, daß die bisher gewürdigten und aus der Abkehrung von der
Außenwelt abgeleiteten Eigenschaften des Traumlebens die Fremdartigkeit desselben nicht voll
zu decken vermögen. Denn im anderen Falle müßte es möglich sein, die Halluzinationen des
Traumes in Vorstellungen, die Situationen des Traumes in Gedanken zurückzuverwandeln und
413
back to the
book Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)"
Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin