Page - 414 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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damit die Aufgabe der Traumdeutung zu lösen. Nun verfahren wir nicht anders, wenn wir nach
dem Erwachen den Traum aus der Erinnerung reproduzieren, und ob uns diese Rückübersetzung
ganz oder nur teilweise gelingt, der Traum behält seine Rätselhaftigkeit unverringert bei.
Die Autoren nehmen auch alle unbedenklich an, daß im Traume noch andere und tiefer greifende
Veränderungen mit dem Vorstellungsmaterial des Wachens vorgefallen sind. Eine derselben
sucht Strümpell in folgender Erörterung herauszugreifen (1877, 27–8): »Die Seele verliert mit
dem Aufhören der sinnlich tätigen Anschauung und des normalen Lebensbewußtseins auch den
Grund, in welchem ihre Gefühle, Begehrungen, Interessen und Handlungen wurzeln. Auch
diejenigen geistigen Zustände, Gefühle, Interessen, Wertschätzungen, welche im Wachen den
Erinnerungsbildern anhaften, unterliegen … einem verdunkelnden Drucke, infolgedessen sich
ihre Verbindung mit den Bildern auflöst, die Wahrnehmungsbilder von Dingen, Personen,
Lokalitäten, Begebenheiten und Handlungen des wachen Lebens werden einzeln sehr zahlreich
reproduziert, aber keines derselben bringt seinen psychischen Wert mit. Dieser ist von ihnen
abgelöst, und sie schwanken deshalb in der Seele nach eigenen Mitteln umher…«
Diese Entblößung der Bilder von ihrem psychischen Wert, die selbst wiederum auf die
Abwendung von der Außenwelt zurückgeführt wird, soll nach Strümpell einen Hauptanteil an
dem Eindruck der Fremdartigkeit haben, mit dem sich der Traum in unserer Erinnerung dem
Leben gegenüberstellt.
Wir haben gehört, daß schon das Einschlafen den Verzicht auf eine der seelischen Tätigkeiten,
nämlich auf die willkürliche Leitung des Vorstellungsablaufs, mit sich bringt. Es wird uns so die
ohnedies naheliegende Vermutung aufgedrängt, daß der Schlafzustand sich auch über die
seelischen Verrichtungen erstrecken möge. Die eine oder andere dieser Verrichtungen wird etwa
ganz aufgehoben; ob die übrigbleibenden ungestört weiterarbeiten, ob sie unter solchen
Umständen normale Arbeit leisten können, kommt jetzt in Frage. Der Gesichtspunkt taucht auf,
daß man die Eigentümlichkeiten des Traumes erklären könne durch die psychische
Minderleistung im Schlafzustande, und nun kommt der Eindruck, den der Traum unserem
wachen Urteil macht, einer solchen Auffassung entgegen. Der Traum ist unzusammenhängend,
vereinigt ohne Anstoß die ärgsten Widersprüche, läßt Unmöglichkeiten zu, läßt unser bei Tag
einflußreiches Wissen beiseite, zeigt uns ethisch und moralisch stumpfsinnig. Wer sich im
Wachen so benehmen würde, wie es der Traum in seinen Situationen vorführt, den würden wir
für wahnsinnig halten; wer im Wachen so spräche oder solche Dinge mitteilen wollte, wie sie im
Trauminhalt vorkommen, der würde uns den Eindruck eines Verworrenen oder eines
Schwachsinnigen machen. Somit glauben wir nur dem Tatbestand Worte zu leihen, wenn wir die
psychische Tätigkeit im Traum nur sehr gering anschlagen und insbesondere die höheren
intellektuellen Leistungen als im Traum aufgehoben oder wenigstens schwer geschädigt erklären.
Mit ungewöhnlicher Einmütigkeit – von den Ausnahmen wird an anderer Stelle die Rede sein –
haben die Autoren solche Urteile über den Traum gefällt, die auch unmittelbar zu einer
bestimmten Theorie oder Erklärung des Traumlebens hinleiten. Es ist an der Zeit, daß ich mein
eben ausgesprochenes Resumé durch eine Sammlung von Aussprüchen verschiedener Autoren –
Philosophen und Ärzte – über die psychologischen Charaktere des Traumes ersetze:
Nach Lemoine (1855) ist die Inkohärenz der Traumbilder der einzig wesentliche Charakter des
Traumes.
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin