Page - 422 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Im Gegensatz hiezu meint Plato, diejenigen seien die besten, denen das, was andere wachend tun,
nur im Traume einfalle.
Pfaff[21] sagt geradezu in Abänderung eines bekannten Sprichwortes: »Erzähle mir eine Zeitlang
deine Träume, und ich will dir sagen, wie es um dein Inneres steht.«
Die kleine Schrift von Hildebrandt, der ich bereits so zahlreiche Zitate entnommen habe, der
formvollendetste und gedankenreichste Beitrag zur Erforschung der Traumprobleme, den ich in
der Literatur gefunden, rückt gerade das Problem der Sittlichkeit im Traume in den Mittelpunkt
ihres Interesses. Auch für Hildebrandt steht es als Regel fest: Je reiner das Leben, desto reiner der
Traum; je unreiner jenes, desto unreiner dieser.
Die sittliche Natur des Menschen bleibt auch im Traume bestehen: »Aber während kein noch so
handgreiflicher Rechnungsfehler, keine noch so romantische Umkehr der Wissenschaft, kein
noch so scherzhafter Anachronismus verletzt oder uns auch nur verdächtig wird, so geht uns doch
der Unterschied zwischen Gut und Böse, zwischen Recht und Unrecht, zwischen Tugend und
Laster nie verloren. Wie vieles auch von dem, was am Tage mit uns geht, in den
Schlummerstunden weichen mag – Kants kategorischer Imperativ hat sich als untrennbarer
Begleiter so an unsere Fersen geheftet, daß wir ihn auch schlafend nicht loswerden. … Erklären
aber läßt sich (diese Tatsache) eben nur daraus, daß das Fundamentale der Menschennatur, das
sittliche Wesen, zu fest gefügt ist, um an der Wirkung der kaleidoskopischen Durchschüttelung
teilzunehmen, welcher Phantasie, Verstand, Gedächtnis und sonstige Fakultäten gleichen Ranges
im Traume unterliegen.« (Ibid., 45 f.)
In der weiteren Diskussion des Gegenstandes sind nun merkwürdige Verschiebungen und
Inkonsequenzen bei beiden Gruppen von Autoren hervorgetreten. Strenggenommen wäre für alle
diejenigen, welche meinen, im Traum zerfalle die sittliche Persönlichkeit des Menschen, das
Interesse an den unmoralischen Träumen mit dieser Erklärung zu Ende. Sie könnten den Versuch,
den Träumer für seine Träume verantwortlich zu machen, aus der Schlechtigkeit seiner Träume
auf eine böse Regung in seiner Natur zu schließen, mit derselben Ruhe ablehnen wie den
anscheinend gleichwertigen Versuch, aus der Absurdität seiner Träume die Wertlosigkeit seiner
intellektuellen Leistungen im Wachen zu erweisen. Die anderen, für die sich »der kategorische
Imperativ« auch in den Traum erstreckt, hätten die Verantwortlichkeit für unmoralische Träume
ohne Einschränkung anzunehmen; es wäre ihnen nur zu wünschen, daß eigene Träume von solch
verwerflicher Art sie nicht an der sonst festgehaltenen Wertschätzung der eigenen Sittlichkeit
irremachen müßten.
Nun scheint es aber, daß niemand von sich selbst so recht sicher weiß, inwieweit er gut oder böse
ist, und daß niemand die Erinnerung an eigene unmoralische Träume verleugnen kann. Denn über
jenen Gegensatz in der Beurteilung der Traummoralität hinweg zeigen sich bei den Autoren
beider Gruppen Bemühungen, die Herkunft der unsittlichen Träume aufzuklären, und es
entwickelt sich ein neuer Gegensatz, je nachdem deren Ursprung in den Funktionen des
psychischen Lebens oder in somatisch bedingten Beeinträchtigungen desselben gesucht wird. Die
zwingende Gewalt der Tatsächlichkeit läßt dann Vertreter der Verantwortlichkeit wie der
Unverantwortlichkeit des Traumlebens in der Anerkennung einer besonderen psychischen Quelle
für die Immoralität der Träume zusammentreffen.
Alle die, welche die Sittlichkeit im Traume fortbestehen lassen, hüten sich doch davor, die volle
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin