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An dem allgemeinen Vorkommen dieser kontrastierenden Vorstellungen – bei den meisten
Menschen und auch auf anderem als ethischem Gebiete – besteht wohl kein Zweifel. Die
Beurteilung derselben ist gelegentlich eine minder ernsthafte gewesen. Bei Spitta findet sich
folgende hieher gehörige Äußerung von A. Zeller (1818) zitiert (1882, 194): »So glücklich ist
selten ein Geist organisiert, daß er zu allen Zeiten volle Macht besäße und nicht immer wieder
nicht allein unwesentliche, sondern auch völlig fratzenhafte und widersinnige Vorstellungen den
stetigen, klaren Gang seiner Gedanken unterbrächen, ja die größten Denker haben sich über
dieses traumartige, neckende und peinliche Gesindel von Vorstellungen zu beklagen gehabt, da
es ihre tiefsten Betrachtungen und ihre heiligste und ernsthafteste Gedankenarbeit stört.«
Ein helleres Licht fällt auf die psychologische Stellung dieser Kontrastgedanken aus einer
weiteren Bemerkung von Hildebrandt, daß der Traum uns wohl bisweilen in Tiefen und Falten
unseres Wesens blicken lasse, die uns im Zustand des Wachens meist verschlossen bleiben (1875,
55). Dieselbe Erkenntnis verrät Kant an einer Stelle der Anthropologie, wenn er meint, der Traum
sei wohl dazu da, um uns die verborgenen Anlagen zu entdecken und uns zu offenbaren, nicht
was wir sind, sondern was wir hätten werden können, wenn wir eine andere Erziehung gehabt
hätten; Radestock (1879, 84) mit den Worten, daß der Traum uns oft nur offenbart, was wir uns
nicht gestehen wollen, und daß wir ihn darum mit Unrecht einen Lügner und Betrüger schelten.
J.
E. Erdmann äußert: »Mir hat nie ein Traum offenbart, was von einem Menschen zu halten sei,
allein was ich von ihm halte und wie ich hinsichtlich seiner gesinnt bin, das habe ich bereits
einigemal aus einem Traume gelernt zu meiner eigenen großen Überraschung.« Und ähnlich
meint I. H. Fichte (1864, Bd. 1): »Der Charakter unserer Träume bleibt ein weit treuerer Spiegel
unserer Gesamtstimmung, als was wir davon durch die Selbstbeobachtung des Wachens
erfahren.« Wir werden aufmerksam gemacht, daß das Auftauchen dieser unserem sittlichen
Bewußtsein fremden Antriebe nur analog ist zu der uns bereits bekannten Verfügung des
Traumes über anderes Vorstellungsmaterial, welches dem Wachen fehlt oder darin eine
geringfügige Rolle spielt, durch Bemerkungen, wie die von Benini: »Certe nostre inclinazioni
che si credevano soffocate e spente da un pezzo, si ridestano; passioni vecchie e sepolte rivivono;
cose e persone a cui non pensiamo mai, ci vengono dinanzi« (1898, 149), und von Volkelt:
»Auch Vorstellungen, die in das wache Bewußtsein fast unbeachtet eingegangen sind und von
ihm vielleicht nie wieder der Vergessenheit entzogen würden, pflegen sehr häufig dem Traum
ihre Anwesenheit in der Seele kundzutun« (1875, 105). Endlich ist es hier am Platze, uns zu
erinnern, daß nach Schleiermacher schon das Einschlafen vom Hervortreten ungewollter
Vorstellungen (Bilder) begleitet war.
Als »ungewollte Vorstellungen« dürfen wir nun dies ganze Vorstellungsmaterial
zusammenfassen, dessen Vorkommen in den unmoralischen wie in den absurden Träumen unser
Befremden erregt. Ein wichtiger Unterschied liegt nur darin, daß die ungewollten Vorstellungen
auf sittlichem Gebiet den Gegensatz zu unserem sonstigen Empfinden erkennen lassen, während
die anderen uns bloß fremdartig erscheinen. Es ist bisher kein Schritt geschehen, der uns
ermöglichte, diese Verschiedenheit durch tiefer gehende Erkenntnis aufzuheben.
Welche Bedeutung hat nun das Hervortreten ungewollter Vorstellungen im Traume, welche
Schlüsse für die Psychologie der wachenden und der träumenden Seele lassen sich aus diesem
nächtlichen Auftauchen kontrastierender ethischer Regungen ableiten? Hier ist eine neue
Meinungsverschiedenheit und eine abermals verschiedene Gruppierung der Autoren zu
verzeichnen. Den Gedankengang von Hildebrandt und anderen Vertretern seiner Grundansicht
kann man wohl nicht anderswohin fortsetzen, als daß den unmoralischen Regungen auch im
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin