Page - 429 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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den Schlafenden heran, von außen, von innen, von all den Körpergebieten sogar, um die man sich
als Wachender nie gekümmert hat. So wird der Schlaf gestört, die Seele bald an dem, bald an
jenem Zipfelchen wach gerüttelt und funktioniert dann ein Weilchen mit dem geweckten Teil,
froh, wieder einzuschlafen. Der Traum ist die Reaktion auf die durch den Reiz verursachte
Schlafstörung, übrigens eine rein überflüssige Reaktion.
Den Traum, der doch immerhin eine Leistung des Seelenorgans bleibt, als einen körperlichen
Vorgang zu bezeichnen, hat aber auch noch einen anderen Sinn. Es ist die Würde eines
psychischen Vorgangs, die damit dem Traume abgesprochen werden soll. Das in seiner
Anwendung auf den Traum bereits sehr alte Gleichnis von den »zehn Fingern eines der Musik
ganz unkundigen Menschen, die über die Tasten des Instrumentes hinlaufen« veranschaulicht
vielleicht am besten, welche Würdigung die Traumleistung bei den Vertretern der exakten
Wissenschaft zumeist gefunden hat. Der Traum wird in dieser Auffassung etwas ganz und gar
Undeutbares; denn wie sollten die zehn Finger des unmusikalischen Spielers ein Stück Musik
produzieren können?
Es hat der Theorie des partiellen Wachens schon frühzeitig nicht an Einwänden gefehlt. Burdach
meinte (1838, 508 f.): »Wenn man sagt, der Traum sei ein partielles Wachen, so wird damit
erstlich weder das Wachen noch das Schlafen erklärt, zweitens nichts anderes gesagt, als daß
einige Kräfte der Seele im Traume tätig sind, während andere ruhen. Aber solche Ungleichheit
findet während des ganzen Lebens statt…«
An die herrschende Traumtheorie, welche im Traum einen »körperlichen« Vorgang sieht, lehnt
sich eine sehr interessante Auffassung des Traumes an, die erst 1886 von Robert ausgesprochen
wurde und die bestechend wirkt, weil sie für das Träumen eine Funktion, einen nützlichen Erfolg,
anzugeben weiß. Robert nimmt zur Grundlage seiner Theorie zwei Tatsachen der Beobachtung,
bei denen wir bereits in der Würdigung des Traummaterials verweilt haben (vgl. S. 45 f. oben),
nämlich daß man so häufig von den nebensächlichsten Eindrücken des Tages träumt und daß man
so selten die großen Interessen des Tages mit hinübernimmt. Robert behauptet als ausschließlich
richtig: Es werden nie Dinge, die man voll ausgedacht hat, zu Traumerregern, immer nur solche,
die einem unfertig im Sinne liegen oder den Geist flüchtig streifen (1886, 10). – »Darum kann
man meistens den Traum sich nicht erklären, weil die Ursachen desselben eben die nicht zum
genügenden Erkennen des Träumenden gekommenen Sinneseindrücke des verflossenen Tages
sind.« Die Bedingung, daß ein Eindruck in den Traum gelange, ist also, entweder daß dieser
Eindruck in seiner Verarbeitung gestört wurde oder daß er als allzu unbedeutend auf solche
Verarbeitung keinen Anspruch hatte.
Der Traum stellt sich Robert nun dar »als ein körperlicher Ausscheidungsprozeß, der in seiner
geistigen Reaktionserscheinung zum Erkennen gelangt«. Träume sind Ausscheidungen von im
Keime erstickten Gedanken. »Ein Mensch, dem man die Fähigkeit nehmen würde zu träumen,
müßte in gegebener Zeit geistesgestört werden, weil sich in seinem Hirn eine Unmasse unfertiger,
unausgedachter Gedanken und seichter Eindrücke ansammeln würde, unter deren Wucht
dasjenige ersticken müßte, was dem Gedächtnisse als fertiges Ganzes einzuverleiben wäre.« Der
Traum leistet dem überbürdeten Gehirn die Dienste eines Sicherheitsventils. Die Träume haben
heilende, entlastende Kraft. (Ibid., 32.)
Es wäre mißverständlich, an Robert die Frage zu richten, wie denn durch das Vorstellen im
Traum eine Entlastung der Seele herbeigeführt werden kann. Der Autor schließt offenbar aus
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin