Page - 432 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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sie zudeckt und vor neuer Aufregung bewahrt. Darauf beruht zum Teil die schmerzenheilende
Wirkung der Zeit.« Wir empfinden es alle, daß der Schlaf eine Wohltat für das Seelenleben ist,
und die dunkle Ahnung des Volksbewußtseins läßt sich offenbar das Vorurteil nicht rauben, daß
der Traum einer der Wege ist, auf denen der Schlaf seine Wohltaten spendet.
Der originellste und weitgehendste Versuch, den Traum aus einer besonderen Tätigkeit der Seele,
die sich erst im Schlafzustande frei entfalten kann, zu erklären, ist der von Scherner 1861
unternommene. Das Buch Scherners, in einem schwülen und schwülstigen Stil geschrieben, von
einer nahezu trunkenen Begeisterung für den Gegenstand getragen, die abstoßend wirken muß,
wenn sie nicht mit sich fortzureißen vermag, setzt einer Analyse solche Schwierigkeiten
entgegen, daß wir bereitwillig nach der klareren und kürzeren Darstellung greifen, in welcher der
Philosoph Volkelt die Lehren Scherners uns vorführt. »Es blitzt und leuchtet wohl aus den
mystischen Zusammenballungen, aus all dem Pracht- und Glanzgewoge ein ahnungsvoller Schein
von Sinn heraus, allein hell werden hiedurch des Philosophen Pfade nicht.« Solche Beurteilung
findet die Darstellung Scherners selbst bei seinem Anhänger.
Scherner gehört nicht zu den Autoren, welche der Seele gestatten, ihre Fähigkeiten unverringert
ins Traumleben mitzunehmen. Er führt selbst aus, wie im Traum die Zentralität, die
Spontanenergie des Ichs entnervt wird, wie infolge dieser Dezentralisation Erkennen, Fühlen,
Wollen und Vorstellen verändert werden und wie den Überbleibseln dieser Seelenkräfte kein
wahrer Geistcharakter, sondern nur noch die Natur eines Mechanismus zukommt. Aber dafür
schwingt sich im Traum die als Phantasie zu benennende Tätigkeit der Seele, frei von aller
Verstandesherrschaft und damit der strengen Maße ledig, zur unbeschränkten Herrschaft auf. Sie
nimmt zwar die letzten Bausteine aus dem Gedächtnis des Wachens, aber führt aus ihnen
Gebäude auf, die von den Gebilden des Wachens himmelweit verschieden sind, sie zeigt sich im
Traume nicht nur reproduktiv, sondern auch produktiv. Ihre Eigentümlichkeiten verleihen dem
Traumleben seine besonderen Charaktere. Sie zeigt eine Vorliebe für das Ungemessene,
Übertriebene, Ungeheuerliche. Zugleich aber gewinnt sie durch die Befreiung von den
hinderlichen Denkkategorien eine größere Schmiegsamkeit, Behendigkeit, Wendungslust; sie ist
aufs feinste empfindsam für die zarten Stimmungsreize des Gemüts, für die wühlerischen
Affekte, sie bildet sofort das innere Leben in die äußere plastische Anschaulichkeit hinein. Der
Traumphantasie fehlt die Begriffssprache; was sie sagen will, muß sie anschaulich hinmalen, und
da der Begriff hier nicht schwächend einwirkt, malt sie es in Fülle, Kraft und Größe der
Anschauungsform hin. Ihre Sprache wird hiedurch, so deutlich sie ist, weitläufig, schwerfällig,
unbeholfen. Besonders erschwert wird die Deutlichkeit ihrer Sprache dadurch, daß sie die
Abneigung hat, ein Objekt durch sein eigentliches Bild auszudrücken, und lieber ein fremdes Bild
wählt, insofern dieses nur dasjenige Moment des Objekts, an dessen Darstellung ihr liegt, durch
sich auszudrücken imstande ist. Das ist die symbolisierende Tätigkeit der Phantasie… Sehr
wichtig ist ferner, daß die Traumphantasie die Gegenstände nicht erschöpfend, sondern nur in
ihrem Umriß und diesen in freiester Weise nachbildet. Ihre Malereien erscheinen daher wie
genial hingehaucht. Die Traumphantasie bleibt aber nicht bei der bloßen Hinstellung des
Gegenstandes stehen, sondern sie ist innerlich genötigt, das Traum-Ich mehr oder weniger mit
ihm zu verwickeln und so eine Handlung zu erzeugen. Der Gesichtsreiztraum z. B. malt
Goldstücke auf die Straße; der Träumer sammelt sie, freut sich, trägt sie davon.
Das Material, an welchem die Traumphantasie ihre künstlerische Tätigkeit vollzieht, ist nach
Scherner vorwiegend das der bei Tag so dunkeln, organischen Leibreize (vgl. S. 59 ff. oben), so
daß in der Annahme der Traumquellen und Traumerreger die allzu phantastische Theorie
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin