Page - 433 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Scherners und die vielleicht übernüchterne Lehre Wundts und anderer Physiologen, die sich sonst
wie Antipoden zueinander verhalten, sich hier völlig decken. Aber während nach der
physiologischen Theorie die seelische Reaktion auf die inneren Leibreize mit der Erweckung von
irgend zu ihnen passenden Vorstellungen erschöpft ist, die dann einige andere Vorstellungen auf
dem Wege der Assoziation sich zu Hilfe rufen, und mit diesem Stadium die Verfolgung der
psychischen Vorgänge des Traums beendigt scheint, geben die Leibreize nach Scherner der Seele
nur ein Material, das sie ihren phantastischen Absichten dienstbar machen kann. Die
Traumbildung fängt für Scherner dort erst an, wo sie für den Blick der anderen versiegt.
Zweckmäßig wird man freilich nicht finden können, was die Traumphantasie mit den Leibreizen
vornimmt. Sie treibt ein neckendes Spiel mit ihnen, stellt sich die Organquelle, aus der die Reize
im betreffenden Traum stammen, in irgendeiner plastischen Symbolik vor. Ja Scherner meint,
worin Volkelt und andere ihm nicht folgen, daß die Traumphantasie eine bestimmte
Lieblingsdarstellung für den ganzen Organismus habe; diese wäre das Haus. Sie scheint sich aber
zum Glück für ihre Darstellungen nicht an diesen Stoff zu binden; sie kann auch umgekehrt
ganze Reihen von Häusern benützen, um ein einzelnes Organ zu bezeichnen, z. B. sehr lange
Häuserstraßen für den Eingeweidereiz. Andere Male stellen einzelne Teile des Hauses wirklich
einzelne Körperteile dar, so z. B. im Kopfschmerztraum die Decke eines Zimmers (welche der
Träumer mit ekelhaftigen krötenartigen Spinnen bedeckt sieht) den Kopf.
Von der Haussymbolik ganz abgesehen, werden beliebige andere Gegenstände zur Darstellung
der den Traumreiz ausschickenden Körperteile verwendet. »So findet die atmende Lunge in dem
flammenerfüllten Ofen mit seinem luftartigen Brausen ihr Symbol, das Herz in hohlen Kisten und
Körben, die Harnblase in runden, beutelförmigen oder überhaupt nur ausgehöhlten
Gegenständen. Der männliche Geschlechtsreiztraum läßt den Träumer den oberen Teil einer
Klarinette, daneben den gleichen Teil einer Tabakspfeife, daneben wieder einen Pelz auf der
Straße finden. Klarinette und Tabakspfeife stellen die annähernde Form des männlichen Gliedes,
der Pelz das Schamhaar dar. Im weiblichen Geschlechtstraum kann sich die Schrittenge der
zusammenschließenden Schenkel durch einen schmalen, von Häusern umschlossenen Hof, die
weibliche Scheide durch einen mitten durch den Hofraum führenden, schlüpfrig weichen, sehr
schmalen Fußpfad symbolisieren, den die Träumerin wandeln muß, um etwa einen Brief zu
einem Herrn zu tragen.« (Volkelt, ibid., 34.) Besonders wichtig ist es, daß am Schlusse eines
solchen Leibreiztraumes die Traumphantasie sich sozusagen demaskiert, indem sie das erregende
Organ oder dessen Funktion unverhüllt hinstellt. So schließt der »Zahnreiztraum« gewöhnlich
damit, daß der Träumer sich einen Zahn aus dem Munde nimmt.
Die Traumphantasie kann ihre Aufmerksamkeit aber nicht bloß der Form des erregenden Organs
zuwenden, sie kann ebensowohl die in ihm enthaltene Substanz zum Objekt der Symbolisierung
nehmen. So führt z. B. der Eingeweidereiztraum durch kotige Straßen, der Harnreiztraum an
schäumendes Wasser. Oder der Reiz als solcher, die Art seiner Erregtheit, das Objekt, das er
begehrt, werden symbolisch dargestellt, oder das Traum-Ich tritt in konkrete Verbindung mit den
Symbolisierungen des eigenen Zustandes, z. B. wenn wir bei Schmerzreizen uns mit beißenden
Hunden oder tobenden Stieren verzweifelt balgen oder die Träumerin sich im Geschlechtstraum
von einem nackten Manne verfolgt sieht. Von all dem möglichen Reichtum in der Ausführung
abgesehen, bleibt eine symbolisierende Phantasietätigkeit als die Zentralkraft eines jeden
Traumes bestehen. In den Charakter dieser Phantasie näher einzudringen, der so erkannten
psychischen Tätigkeit ihre Stellung in einem System philosophischer Gedanken anzuweisen,
versuchte dann Volkelt in seinem schön und warm geschriebenen Buch, das aber allzu schwer
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin