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Beziehungen zwischen Traum und Geisteskrankheiten
Wer von der Beziehung des Traumes zu den Geistesstörungen spricht, kann dreierlei meinen: 1)
ätiologische und klinische Beziehungen, etwa wenn ein Traum einen psychotischen Zustand
vertritt, einleitet oder nach ihm erübrigt, 2) Veränderungen, die das Traumleben im Falle der
Geisteskrankheit erleidet, 3) Innere Beziehungen zwischen Traum und Psychosen, Analogien, die
auf Wesensverwandtschaft hindeuten. Diese mannigfachen Beziehungen zwischen den beiden
Reihen von Phänomenen sind in früheren Zeiten der Medizin – und in der Gegenwart von neuem
wieder – ein Lieblingsthema ärztlicher Autoren gewesen, wie die bei Spitta, Radestock, Maury
und Tissié gesammelte Literatur des Gegenstandes lehrt. Jüngst hat Sante de Sanctis diesem
Zusammenhange seine Aufmerksamkeit zugewendet[24]. Dem Interesse unserer Darstellung wird
es genügen, den bedeutsamen Gegenstand bloß zu streifen.
Zu den klinischen und ätiologischen Beziehungen zwischen Traum und Psychosen will ich
folgende Beobachtungen als Paradigmata mitteilen. Hohnbaum berichtet (bei Krauß), daß der
erste Ausbruch des Wahnsinns sich öfters von einem ängstlichen, schreckhaften Traum
herschrieb und daß die vorherrschende Idee mit diesem Traume in Verbindung stand. Sante de
Sanctis bringt ähnliche Beobachtungen von Paranoischen und erklärt den Traum in einzelnen
derselben für die »vraie cause déterminante de la folie«. Die Psychose kann mit dem wirksamen,
die wahnhafte Aufklärung enthaltenden Traum mit einem Schlag ins Leben treten oder sich durch
weitere Träume, die noch gegen Zweifel anzukämpfen haben, langsam entwickeln. In einem
Falle von de Sanctis schlossen sich an den ergreifenden Traum leichte hysterische Anfälle, dann
in weiterer Folge ein ängstlich-melancholischer Zustand. Féré (bei Tissié) berichtet von einem
Traum, der eine hysterische Lähmung zur Folge hatte. Hier wird uns der Traum als Ätiologie der
Geistesstörung vorgeführt, obwohl wir dem Tatbestand ebenso Rechnung tragen, wenn wir
aussagen, die geistige Störung habe ihre erste Äußerung am Traumleben gezeigt, sei im Traum
zuerst durchgebrochen. In anderen Beispielen enthält das Traumleben die krankhaften
Symptome, oder die Psychose bleibt aufs Traumleben eingeschränkt. So macht Thomayer auf
Angstträume aufmerksam, die als Äquivalente von epileptischen Anfällen aufgefaßt werden
müssen. Allison hat nächtliche Geisteskrankheit (nocturnal insanity) beschrieben (nach
Radestock), bei der die Individuen tagsüber anscheinend vollkommen gesund sind, während bei
Nacht regelmäßig Halluzinationen, Tobsuchtsanfälle u. dgl. auftreten. Ähnliche Beobachtungen
bei de Sanctis (paranoisches Traumäquivalent bei einem Alkoholiker, Stimmen, die die Ehefrau
der Untreue beschuldigen); bei Tissié. Tissié bringt aus neuerer Zeit eine reiche Anzahl von
Beobachtungen, in denen Handlungen pathologischen Charakters (aus Wahnvoraussetzungen,
Zwangsimpulse) sich aus Träumen ableiten. Guislain beschreibt einen Fall, in dem der Schlaf
durch ein intermittierendes Irresein ersetzt war.
Es ist wohl kein Zweifel, daß eines Tages neben der Psychologie des Traumes eine
Psychopathologie des Traumes die Ärzte beschäftigen wird.
Besonders deutlich wird es häufig in Fällen von Genesung nach Geisteskrankheit, daß bei
gesunder Funktion am Tage das Traumleben noch der Psychose angehören kann. Gregory soll
auf dieses Vorkommen zuerst aufmerksam gemacht haben (nach Krauß, 1859). Macario (bei
Tissié) erzählt von einem Maniacus, der eine Woche nach seiner völligen Herstellung in Träumen
die Ideenflucht und die leidenschaftlichen Antriebe seiner Krankheit wieder erlebte.
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin