Page - 436 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
Image of the Page - 436 -
Text of the Page - 436 -
Über die Veränderungen, welche das Traumleben bei dauernd Psychotischen erfährt, sind bis
jetzt nur sehr wenige Untersuchungen angestellt worden. Dagegen hat die innere Verwandtschaft
zwischen Traum und Geistesstörung, die sich in so weitgehender Übereinstimmung der
Erscheinungen beider äußert, frühzeitig Beachtung gefunden. Nach Maury hat zuerst Cabanis in
seinen Rapports du physique et du moral (1802) auf sie hingewiesen, nach ihm Lélut, J. Moreau
(1855) und ganz besonders der Philosoph Maine de Biran. Sicherlich ist die Vergleichung noch
älter. Radestock (1879) leitet das Kapitel, in dem er sie behandelt, mit einer Sammlung von
Aussprüchen ein, welche Traum und Wahnsinn in Analogie bringen. Kant sagt an einer Stelle:
»Der Verrückte ist ein Träumer im Wachen.« Krauß (1859): »Der Wahnsinn ist ein Traum
innerhalb des Sinnenwachseins.« Schopenhauer nennt den Traum einen kurzen Wahnsinn und
den Wahnsinn einen langen Traum. Hagen bezeichnet das Delirium als Traumleben, welches
nicht durch Schlaf, sondern durch Krankheiten herbeigeführt ist. Wundt äußert in der
Physiologischen Psychologie: »In der Tat können wir im Traum fast alle Erscheinungen, die uns
in den Irrenhäusern begegnen, selber durchleben.«
Die einzelnen Übereinstimmungen, auf Grund deren eine solche Gleichstellung sich dem Urteil
empfiehlt, zählt Spitta (1882) (übrigens sehr ähnlich wie Maury, 1853) in folgender Reihe auf:
»1) Aufhebung oder doch Retardation des Selbstbewußtseins, infolgedessen Unkenntnis über den
Zustand als solchen, also Unmöglichkeit des Erstaunens, Mangel des moralischen Bewußtseins,
2) Modifizierte Perzeption der Sinnesorgane, und zwar im Traum verminderte, im Wahnsinn im
allgemeinen sehr gesteigerte, 3) Verbindung der Vorstellungen untereinander lediglich nach den
Gesetzen der Assoziation und Reproduktion, also automatische Reihenbildung, daher
Unproportionalität der Verhältnisse zwischen den Vorstellungen (Übertreibungen, Phantasmen)
und aus alledem resultierend: 4) Veränderung beziehungsweise Umkehrung der Persönlichkeit
und zuweilen der Eigentümlichkeiten des Charakters (Perversitäten).«
Radestock fügt noch einige Züge hinzu, Analogien im Material (1879): »Im Gebiet des Gesichts-
und Gehörsinnes und des Gemeingefühls findet man die meisten Halluzinationen und Illusionen.
Die wenigsten Elemente liefern wie beim Traum der Geruch- und Geschmacksinn. – Dem
Fieberkranken steigen in den Delirien wie dem Träumenden Erinnerungen aus langer
Vergangenheit auf; was der Wachende und Gesunde vergessen zu haben schien, dessen erinnert
sich der Schlafende und Kranke.« – Die Analogie von Traum und Psychose erhält erst dadurch
ihren vollen Wert, daß sie sich wie eine Familienähnlichkeit in die feinere Mimik und bis auf
einzelne Auffälligkeiten des Gesichtsausdruckes erstreckt.
»Dem von körperlichen und geistigen Leiden Gequälten gewährt der Traum, was die
Wirklichkeit versagte: Wohlsein und Glück; so heben sich auch bei dem Geisteskranken die
lichten Bilder von Glück, Größe, Erhabenheit und Reichtum. Der vermeintliche Besitz von
Gütern und die imaginäre Erfüllung von Wünschen, deren Verweigerung oder Vernichtung eben
einen psychischen Grund des Irreseins abgaben, machen häufig den Hauptinhalt des Deliriums
aus. Die Frau, die ein teures Kind verloren, deliriert in Mutterfreuden, wer Vermögensverluste
erlitten, hält sich für außerordentlich reich, das betrogene Mädchen sieht sich zärtlich geliebt.«
(Diese Stelle Radestocks ist die Abkürzung einer feinsinnigen Ausführung von Griesinger (1861,
106), die mit aller Klarheit die Wunscherfüllung als einen dem Traum und der Psychose
gemeinsamen Charakter des Vorstellens enthüllt. Meine eigenen Untersuchungen haben mich
gelehrt, daß hier der Schlüssel zu einer psychologischen Theorie des Traumes und der Psychosen
zu finden ist.)
436
back to the
book Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)"
Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin