Page - 437 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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»Barocke Gedankenverbindungen und Schwäche des Urteils sind es, welche den Traum und den
Wahnsinn hauptsächlich charakterisieren.« Die Überschätzung der eigenen geistigen Leistungen,
die dem nüchternen Urteil als unsinnig erscheinen, findet sich hier wie dort; dem rapiden
Vorstellungsverlauf des Traumes entspricht die Ideenflucht der Psychose. Bei beiden fehlt jedes
Zeitmaß. Die Spaltung der Persönlichkeit im Traume, welche z. B. das eigene Wissen auf zwei
Personen verteilt, von denen die fremde das eigene Ich im Traume korrigiert, ist völlig
gleichwertig der bekannten Persönlichkeitsteilung bei halluzinatorischer Paranoia; auch der
Träumer hört die eigenen Gedanken von fremden Stimmen vorgebracht. Selbst für die konstanten
Wahnideen findet sich eine Analogie in den stereotyp wiederkehrenden pathologischen Träumen
(rêve obsédant). – Nach der Genesung von einem Delirium sagen die Kranken nicht selten, daß
ihnen die ganze Zeit ihrer Krankheit wie ein oft nicht unbehaglicher Traum erscheint, ja sie teilen
uns mit, daß sie gelegentlich noch während der Krankheit geahnt haben, sie seien nur in einem
Traume befangen, ganz wie es oft im Schlaftraum vorkommt.
Nach alledem ist es nicht zu verwundern, wenn Radestock seine wie vieler anderer Meinung in
den Worten zusammenfaßt, daß »der Wahnsinn, eine anormale krankhafte Erscheinung, als eine
Steigerung des periodisch wiederkehrenden normalen Traumzustandes zu betrachten ist«. (Ibid.,
228.)
Noch inniger vielleicht, als es durch diese Analogie der sich äußernden Phänomene möglich ist,
hat Krauß (1859) die Verwandtschaft von Traum und Wahnsinn in der Ätiologie (vielmehr: in
den Erregungsquellen) begründen wollen. Das beiden gemeinschaftliche Grundelement ist nach
ihm, wie wir gehört haben, die organisch bedingte Empfindung, die Leibreizsensation, das durch
Beiträge von allen Organen her zustande gekommene Gemeingefühl (vgl. Peisse, bei Maury,
1878, 52).
Die nicht zu bestreitende, bis in charakteristische Einzelheiten reichende Übereinstimmung von
Traum und Geistesstörung gehört zu den stärksten Stützen der medizinischen Theorie des
Traumlebens, nach welcher sich der Traum als unnützer und störender Vorgang und als Ausdruck
einer herabgesetzten Seelentätigkeit darstellt. Man wird indes nicht erwarten können, die
endgültige Aufklärung über den Traum von den Seelenstörungen her zu empfangen, wo es
allgemein bekannt ist, in welch unbefriedigendem Zustand unsere Einsicht in den Hergang der
letzteren sich befindet. Wohl aber ist es wahrscheinlich, daß eine veränderte Auffassung des
Traumes unsere Meinungen über den inneren Mechanismus der Geistesstörungen mitbeeinflussen
muß, und so dürfen wir sagen, daß wir an der Aufklärung der Psychosen arbeiten, wenn wir uns
bemühen, das Geheimnis des Traumes aufzuhellen.
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin